Sorranto

Capo di Sorrento

Die Villa des Felix Pollius

Die Villa des Felix Pollius

Das Gelände heißt übrigens im Volksmund auch Bagno della Regina Giovanna. Sie war die Schwester des Königs Ladislao von Neapel. Dieser wählte Sorrent als Ort der Hochzeit seiner Schwester aus, da ihm die Lage und die Atmosphäre des Städtchens so zusagte. Nachdem sie Schwester Königin 1423 geworden war, kehrte sie oft nach Sorrent zur Sommerfrische zurück. Dabei nahm sie an dieser Stelle ein Bad im Meer. Das war damals revolutionär. Nach bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wäre es kaum einem Italiener in den Sinn gekommen freiwillig ins Salzwasser zusteigen. Es waren die Engländer, die am Ende des 19. Jahrhunderts die Mode des Badens nach Italien brachten.

Das Gedicht des Statius

Literarische Bekanntheit erlangte die Villa durch das Gedicht des neapolitanischen Dichters Statius, der unter Domitian wirkte (Silvae II,2). Der Besitzer Felix Pollio, ein Freund des Dichters, hatte es als Geschäftsmann im römischen Welthafen Puteoli zu   Reichtum gebracht. In seinen Mußestunden und im Alter zog er sich hierher zurück und gestaltete seine letzten Tage ganz im Geiste Epikurs. Auf dem Abstieg zu den Ausgrabungen wird man mehrere feine Villen bemerkt haben. Diese gehören reichen Geschäftsleuten aus Neapel, die auf ihre Weise dem alten Felix Pollius nacheifern. Wir müssen uns nun vorstellen, dass sich das Gelände der Villa bis hoch zur heutigen Straße und bis zur nächsten Bucht (Marina di Puolo) erstreckte. Die Römer reizte es, eine ursprüngliche Landschaft durch prächtige Umbauten ihrem Geschmack anzupassen. Im Gegensatz zu den modernen Menschen, besonders denen aus dem Norden, sagte den Römern das Wild-romantische wenig zu, vielmehr musste man der Landschaft die Zähmung durch den Menschen anmerken, wobei sie ein möglichst glückliches Gleichgewicht anstrebten. Deutlich kommt dies im Gedicht des Statius zum Ausdruck:

Hören wir in einer Zusammenfassung, was der Dichter weiter beschreibt, um uns ein Bild der Anlage machen zu können.

Zwischen den Inseln der Sirenen und jener Gebigshöh,
Welche das Meer überschaut, geschmückt mit den Tempeln Minervas,
Blickt auf Puteolis Fluten von steiler Warte ein Landhaus,
Dort, wo des Bacchus Reben gedeihen an ragender Bergwand, (Verse 1-4)

(Anmerkung: In Zeile 1 und 2 ist ist Sorrent gemeint, dessen Schutzgöttin Minerva war. In der Antike war Sorrent vor allem wegen des Weines berühmt.)

Aufwärts klimmend steigt einer Stadt vergleichbar vom Meere
Über die schrägen Hügel ein Säulengang, der von weiten
Rücken der rauhen Felsen beherrscht. Wo früher ein Pfad ging,
Sonnig und staubig und wild, ist’s jetzt ein Vergnügen zu wandeln,
Grade als führte ein Steg empor wie vom Hafen Lechaeum
Wohlerbaut hinauf zur hohen Burg von Corinthos.
Wenn die Muse mir stillte den Durst und des Pegasus Huf sich
Böte mir dar, wenn Apollos heilige Priesterin selber
Öffnen wollte den züchtigen Quell, wenn die Ströme mir flössen,
Welche mein Pollius unter Apollos Führung erschöpfte,
All die unendliche Pracht und die Herrlichkeit des Ortes
Könnte ich doch nicht würdig besingen. Nicht reichten die Augen
Über das weite Gebiet, kaum würden die Füße mich tragen,
Wollte ich einzeln alles besuchen. Welch buntes Gemisch doch!
Ist das Genie der Natur erstaunlicher oder das des Hausherrn?
Dieser Palast schaut östlich zur Morgenröte des Phöbus,
Jener fängt auf die sinkende Sonne und will sie nicht lassen,
Wenn am Abend das Bild des schattenden Berges ins Meer versinkt,
Wenn die Paläste sich wiegen und schwimmen im klaren Gewässer.

Hier die Zusammenfassung des restlichen Gedichtes: Der Wein, der auf dem Gelände wächst, kann sich mit dem besten Falerner messen. Die Weinberge reichen bis zum Wasser und die Nymphen kommen nachts und stehlen heimlich die süßen Trauben. Wer mit dem Boot ankommt, landet in einer kleinen Bucht, die sich halbkreisförmig zwischen den Felsen einfügt. Hier stehen Thermen (wahrscheinlich auf dem gegenüberliegenden Felsen, wo wir den Holzsteg sehen). Davor stehen sozusagen als Wächter des Meeres und des Landes Statuen des Neptun und des Herkules. In der Nähe stürzt sich ein Bach mit hellem klarem Wasser ins Meer. (Diesen Bach gibt es nicht mehr; seine Quelle ist sicher schon lange eingefasst).

Die Villen der Römer

In der Tat eiferten die Reichen Roms danach, durch möglichst prächtige Villen am Golf von Neapel die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der Dichter Horaz beklagt sich, dass überall fürstliche Paläste nur wenig Platz für das Wirken des Pfluges ließen, überall seien künstliche Teiche, allenthalben verdränge die modische Platane die rebumschlungene Ulme, an Stelle fruchtbarer Ölpflanzungen würden Myrten- und Lorbeerhaine Schatten und künstliche Veilchenbeete Duft verbreiten. An Stelle des naturwüchsigen Rasens erheben sich Säulenhallen, die vor Sonne und Nordwind Schutz böten. Dies zeigt, dass zumindest den Dichtern dieses Vorgehen nicht zusagte. Dabei kommt jedoch eher Kritik an der Verschwendung als an der erwähnten Naturauffassung zum Ausdruck. Schon Sallust spricht voll ungläubigem Staunen davon, dass von seinen Zeitgenossen Berge abgetragen und Buchten zugeschüttet werden (montes subvorsi, maria constrata). Der Philosoph Seneca klagt: “Wo immer sich das Meer zu einer Bucht krümmt, da legt ihr sogleich eure Fundamente und schafft künstlich neuen Boden." Natürlich reizte gerade die Schwierigkeit des vorliegenden Geländes die Bauherren zu verwegenen Konstruktionen, wie wir gleich sehen werden. Auch Statius hebt bei unserer Villa besonders die Tatsache, dass der Bauherr die Natur seinem Willen untertan gemacht hat, hervor: “ Wo du jetzt eine Fläche siehst, war ein Berg, wo du unter einem Dach wandelst eine Wildnis; wo du hohe Bäume erblickst, war nicht einmal Erde - schau hier, wie das Gestein sein Joch tragen lernt, der Palast vordringt, der Berg auf Geheiß des Herrn zurückweicht.” Wörtlich heißt es (V,52 - 54):Günstig war die Lage des Ortes...Beugte sich unter des Menschen Hand die Natur, und gelehrigließ sie sich zähmen und führen zu unbekannter Gewohnheit.

Der Binnenhafen, der durch einen Bogen mit Meerwasser gespeist wurde, musste den Architekten besonders herausgefordert haben. Er erbaute über dem Bogen eine künstliche Verkleidung, deren Reste wir deutlich von hier aus sehen können. Die Archäologen haben erst 1982 die Mauerteile freigelegt, die zur Stützung des darüber liegenden Gebäudes dienten und einst mit Marmorplatten verkleidet waren. Deutlich sind die Dübellöcher für die Marmorplatten in der Mauer zu erkennen. Bewusst  hat der Bauherr die natürliche Form des Bogens belassen und nicht etwa künstlich abgerundet, was bei den damaligen technischen Möglichkeiten auch kein Problem gewesen wäre. So schuf er eine großartige Verbindung von baulicher Extravaganz und naturbelassener Schönheit, wie es dem Ideal der Zeit entsprach. Wir müssen uns nun vorstellen, dass sich über diesem Bogen ein Zimmer oder eine Wandelhalle erhob. So konnte unser Felix Pollius auf der einen Seite das Rauschen des Meeres, auf der anderen das leise Plätschern des Innenbeckens hören. Da der Naturbogen nicht die ganze Last alleine tragen konnte, baute man einen Entlastungsbogen davor. In seinem Mauerwerk sieht man noch die Löcher für die Anbringung der Marmorverkleidung. Man muss sich einmal den unglaublichen Luxus vor Augen stellen, den dieser Herr genoß: Vor sich erstreckte sich die - damals noch - blaue Bucht von Neapel, überragt vom damals noch  3000 m hohen Vesuv, unter ihm spielte das Wasser des Meeres in der kleinen Bucht, um ihn herum der Prunk des Marmors und der Mosaiken während er bedient wurde von flinken Sklaven, die ihm jeden Wunsch von den Augen ablasen. Von hier werfen wir einen Blick auf die Mauer in Richtung Berge, an der wir am Eingang der Anlage gerade vorbeigekommen sind. (Position 1) Man erkennt unterhalb der Mauer die Reste von Zisternen, die den unteren Teil der Villa mit Wasser für die Wasserspiele belieferten. Auf dem Mauerwerk in  Retikulattechnik ist noch deutlich eine Schicht des ursprünglichen wasserundurchlässigen Betons zu sehen. Die darüber gebaute Mauer ist übrigens modern.

Man sieht deutlich die Reste der Stützkonstruktionen für die dem Meer zugewandte Seite des Naturbogens. Wie man an der Grundfläche der Zimmer sieht, waren sie an den Ecken leicht abgerundet. Wenn man die Lage der anderen Zimmer betrachtet, wird klar, dass sich der Herr der Villa immer das passende Zimmer aussuchen konnte: Blick zum Meer, Blick zum Vesuv, Blick zu seinen Gärten, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Zimmer mit Sonne, Zimmer ohne Sonne, Meeresrauschen oder nicht etc. Der Boden des Raumes war mit Mosaiken ausgekleidet, die gleich nach der Ausgrabung 1982 leider von unvernünftigen (auch deutschen) Touristen abgeräumt wurden. Die wenigen zusammenhängenden Mosaikstückchen liegen jetzt unter einer Sandschicht geschützt. Dennoch findet man noch gelegentlich ein paar Steinchen, die mitgenommen werden dürfen. Die Archäologen haben festgestellt, dass die Räume, von denen wir nur einige nackte Mauerreste sehen, mit den teuersten Marmorsorten bekleidet waren. So haben sie Reste von Marmorplatten aus Griechenland,  Ägypten und dem Sudan hier entdeckt. Teile dieses Marmors findet man auch heute noch in Kirchen und Privatbauten Sorrents, denn diese Villa diente im Mittelalter vor allem für den Kirchenbau als Steinbruch. Durch Galerien gelangte man in drei kleinere Wohnräume. Im ersten Raum ist sogar noch teilweise die Stuckdekoration der gewölbten Decke erhalten. Der vierte Raum war durch ein Bogenfenster auf den Vesuv hin ausgerichtet. Die Raumgruppe 6 diente als Keller oder Werkstätte praktischen Zwecken. Nun müssen wir uns vorstellen, dass der Fels, der dieser Raumgruppe vorgelagert war und jetzt nackt  daliegt, ebenfalls mit Räumen und Bauten oder zumindest einer Terrasse bebaut war. Der äußere Rand ruhte dabei auf der Stützmauer, deren Reste noch eindeutig erkennbar sind. Die Tatsache, dass dieser Mauerrest zwei Farben  und damit verschiedene Materialien aufweist, ist damit zu erklären, dass ursprünglich nur eine Bogenreihe als Stütze der darüber liegenden Räume diente. Zur besseren Sicherung füllte man später die Zwischenräume zwischen den Bogen mit einer Mauer aus dunklem Tuff auf. Vermutlich führte sogar noch eine Brücke mit Wandelhalle auf das vorgelagerte Riff, denn auch dort  erkennt man noch die Fundamente für ein Gebäude. Dabei machten aber die Bauten auf der Halbinsel, deren  Reste wir gesehen haben, nur einen kleinen Teil der ganzen Villenanlage aus. Die eigentliche Domus (Wohngebäude) erhob sich auf dem Berghang oberhalb der modernen Mauer. Wie wir von Statius erfahren, war der Domus eine prächtige Wandelhalle vorgelagert.

Das Naturverständnis der Römer

Das antike Naturgefühl unterscheidet sich von dem modernen am meisten durch seinen religiösen Charakter. Bedeutende Naturerscheinungen ergriffen die Gemüter der Alten mit einer andern Macht als die der Neueren, sie fanden sich hier einem göttlichen oder dämonischen Walten gegenübergestellt, und zu Staunen und Bewunderung gesellte sich immer religiöse Verehrung. Deshalb schreibt Statius an einer Stelle des zitierten Gedichtes, dass des Nachts die Meeresnymphen aus dem Wasser steigen, um an den süßen Trauben des Weinberges der Villa zu naschen. An Stellen, wo eine schöne oder erhabene Aussicht di See1e bewegte, stellte man einen einfachen Altar auf, um an die verborgene Seele des Ortes (genius loci) zu erinnern. Von zahlreichen Äußerungen römischer Schriftsteller und Dichter, die das religiöse Naturgefühl offenbaren, soll eine von Seneca stehen. Erblickst du einen Hain von dichtstehenden, alten, über die gewöhnliche Höhe aufragenden Bäumen, wo die Masse des über- und durcheinander sich erstreckenden Gezweiges den Anblick des Himmels verstellt, dann gibt der riesige Baumwuchs, das Geheimnis des Orts und die Bewunderung des im offenen Felde so dichten und zusammenhängenden Schattendunkels dir das Gefühl von der Gegenwart einer Gottheit. Und wenn eine Grotte mit tief ausgefressenem Felsgestein sich in einen Berg hineinerstreckt, keine künstliche, sondern durch natürliche Ursachen zu solcher Weite ausgehöhlt, so wird sie dein Gemüt mit der Ahnung von etwas Höherem ergreifen.. (ep 41,3) So besuchten die Römer man Orte, die sich durch eine großartige oder schöne Natur auszeichneten, nicht nur, um sich an ihrem Anblick zu erfreuen, sondern zugleich um die Gottheit, der sie geweiht waren, zu verehren. Ganz besonders fanden Quellen, die ohne menschlichen Eingriff aus der Erde kommen, (caput aquae) eine Verehrung, die an vielen Stellen das Heidentum sogar überdauerte. Man erwies dem Platz seine Verehrung durch Hineinwerfen von Münzen, wie dies später bei der Fontana di Trevi wieder aufgenommen wurde. So sehr die Römer durch das Element des Wassers bewegt wurden, so wenig sagten ihnen die Berge etwas. Es wäre keinem Römer in den Sinn gekommen, auf einen Berg zu steigen, um sich an dem Blick in das Tal zu erfreuen. Umso mehr bewunderte man Kaiser Hadrian, der den Ätna aus wissenschaftlichem Interesse erstieg.

Dieser Artikel ist dem Studienordner Neapel von Albatours entnommen. Dort befindet sich noch eine Abhandlung „Die Villa in der europäischen Geschichte“.