Sorranto

„Ein Kongress auf italischem Boden! Neapel, Pompeji." So jubelte Freud in einem Brief von 1886. Dieser Kongress sollte ihn zum ersten Mal nach Süditalien, und ausgerechnet nach Neapel führen. In dieser Briefstelle deutet sich darüber hinaus auch an, dass Freud Reisen und Altertumswissenschaft gern mit seiner dritten großen Leidenschaft, der Psychologie, verbunden hätte. Die “Kongresse” mit Fließ waren ja auch der Diskussion von Freuds Gedanken und Ideen gewidmet. Und im Jahre 1896 waren die “Studien über Hysterie” längst erschienen und Freuds Traumtheorie war im wesentlichen auch schon fertig. Über diese Dinge hätte er mit Fließ am liebsten in Neapel oder Pompeji gesprochen. Deshalb bereitete sich Freud auch gründlich auf den Besuch von Pompeji und Paestum vor. Schon im April 1897, also reichlich fünf Jahre bevor Freud tatsächlich seinen ersten Besuch Pompejis verwirklichen konnte, gesteht er Fließ, dass er in freien Stunden die Straßen von Pompeji studiere. Zwei Wochen später hatte Freud dann einen Traum, in dem das Wort “via” vorkam. Er interpretiert es folgendermaßen: “Via (Straßen von Pompeji, die ich studiere), ... also unsere Reisegespräche.”.

1902 konnte Freud dann endlich Pompeji besuchen. Das “bezaubernde Erlebnis” des Besuchs in Pompeji wurde wiederbelebt durch die Lektüre von W. Jensens Novelle “Gradiva. Ein pompejanisches Phantasiestück”. Interessant ist, dass die Hauptperson von Jensens Novelle, der Archäologe Norbert Hanold, ähnlich wie Freud von einem Drang, nach Italien, speziell nach Pompeji zu kommen, besessen ist. Er träumt von Pompeji, reist später auch dorthin, um nach den Spuren von Gradiva zu suchen, einem Mädchen, in dessen Relief er sich im Vatikanischen Museum in Rom verliebt hatte. Während seines Besuchs in Pompeji wird Freud gespürt haben, was er später so ausdrückte: “Es gibt wirklich keine bessere Analogie für die Verdrängung, die etwas Seelisches zugleich unzugänglich macht und konserviert, als die Verschüttung, wie sie Pompeji zum Schicksal geworden ist und aus der die Stadt durch die Arbeit des Spatens wieder erstehen konnte.” Der Besuch Pompejis beeindruckte Freud so sehr, dass er danach einen Ruhetag einlegte. Am Morgen badete er zwei Stunden, dann ging er (erfolgreich) fischen, nachmittags fuhr er mit der Barke einige Stunden aufs Meer hinaus. Capri war für Freud ein landschaftliches Erlebnis ersten Ranges. Nur die “ Zanzari und Flöhe” vergällten ihm die Nächte. Begeistert war Freud auch über seinen Besuch in der “Unterwelt” der Phlegräischen Felder, aus der er “heil aber schmutzig” wieder heraus kam. Um zum Gipfel des Vesuvs zu kommen, benutzte Freud die Seilbahn, die das englische Reiseunternehmen “Thomas Cook” für seine Kunden zum Krater des Vesuvs gebaut hatte. Diese Seilbahn war übrigens der Anlass für das populäre neapolitanische Volkslied “Funiculì – Funiculà”. Freud kannte natürlich die große historische Bedeutung der Stadt Neapel. Dennoch war sie ihm etwas unheimlich mit ihrem Lärm und Getriebe. Er sieht von Sorrent aus auf der anderen Seite der Bucht den Ort, und bezeichnete sie als “Hundenest und Affenkäfig”, auch wenn er das herrliche Panorama bewunderte, das ihn an den Blick auf Wien von der Bellevue aus erinnerte. Enttäuscht war Freuds Bruder Alexander, der sich die Stadt noch viel schlimmer vorgestellt hatte und sie viel “ruhiger und reinlicher” vorfand als er erwartet hatte. Freud besuchte in Neapel auch die Stazione zoologica, die von dem deutschen Forscher Anton Dohrn gegründet worden war. Es ist die älteste meeresbiologische Forschungsstation der Welt. Der Besuch erinnert uns daran, dass Freud seine ersten wissenschaftlichen Erfolge auf dem Gebiet der Meeresbiologie vorwies. Im Rahmen dieser Studien unternahm Freud zwei Studienreisen ans Zoologische Institut nach Triest. Als universal gebildeter Mensch besuchte Freud auch das Grab des letzten Sprosses der Staufer, Konradin. Freud nutzte den Tag in Neapel noch zum Besuch eines Friseurs, einem “wahren Künstler”. Der Anblick der griechischen Tempel von Paestum war für Freud der Höhepunkt der Italienreise. Es war Freuds erste Begegnung mit einer Stätte antiker griechischer Baukunst. Am 10. September 1902 schickte er eine Ansichtskarte vom Tempio di Nettuno (auch Poseidontempel oder Heratempel) an Wilhelm Fließ mit “einem herzlichen Gruß vom Höhepunkt der Reise.”

Freud, der genug Geld zur Verfügung hatte, wohnte im Hotel Cocumella. Er war über dieses ehemalige Kloster hoch über der Steilküste so begeistert, dass er es als Schlaraffenland bezeichnete. Ein anderer prominenter deutscher Besucher des Hauses war Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau, der das Haus in seinen Reisetagebüchern aufs höchste lobte. Über Sorrent sagte er: „Sorrent ist ohne Zweifel der schönste und glücklichste Aufenthaltsort, den man in Italien finden kann, vor allem, wenn man in weiblicher Begleitung ist“.