Sorranto

 

Henrik Ibsen (1828-1906)

Nur wenige werden wissen, dass Ibsen sein bedeutendes Werk Die Gespenster in Sorrent schrieb (1881). Zur hundertjährigen Jahrestag dieser Erscheinung wurde ein internationaler Kongress in Sorrent abgehalten, an dem auch der norwegische Botschafter in Rom, Asbjorn Karstein, teilnahm. Natürlich wurden die Gespenster Chiostro di S. Francesco aufgeführt; gleichzeitig wurde beschlossen eine Städtepartnerschaft mit Skien ins Leben zu rufen, wo Ibsen 1828 geboren war.

Biografie

Der Vater Knud Ibsen war ein wohlhabender Kaufmann, der aber Bankrott anmelden musste, als Henrik gerade acht Jahre alt war. Dies hatte zur Folge, dass er aus der Gesellschaft ausgestoßen wurde. Aufgrund dieser einschneidenden Kindheitserfahrung schrieb Ibsen später vor allem gesellschaftskritische Theaterstücke. Nach einer Apothekerlehre mit 16 Jahren wandte sich Ibsen der norwegischen Arbeiterbewegung des utopischen Sozialisten Marcus Thrane zu. Hier entstand 1848 unter dem Eindruck der Februarrevolution in Frankreich auch sein erstes Stück mit einem Stoff aus der römischen Geschichte, Catilina. Danach wurde er an das Norske Theater in Bergen berufen, wo man sich um den Aufbau eines norwegischen Nationaltheaters bemühte. Doch fühlte sich Ibsen in seiner Heimat Norwegen nicht verstanden. Außerdem missfiel ihm, dass Norwegen dem Brudervolk der Dänen, das sich im Krieg mit Preußen befand, nicht die eigentlich versprochene Unterstützung gewährte. Es sollte eine Studienreise werden; insgesamt sollte Ibsen jedoch 27 Jahre im freiwilligen Exil verbringen., wovon er die meiste Zeit in Rom (1864-68), später in Dresden und München verbrachte. 1864 kam Ibsen nach Sorrent und blieb fünf ununterbrochene Jahre hier. Den größten Teil von Peer Gynt schrieb er in der Pension «Rosa Magra » in Sorrent. Dort steht heute das Hotel Tramontano. Ibsen wohnte aber auch in anderen Häusern Vielleicht sah sich Ibsen in Sorrent selbst in der Rolle des Herumtreibers “Peer Gynt”, der durch die Welt stromert und erst als alter Mann nach tausend Abenteuern heim nach Norwegen kommt.

Erst 1891 kehrte Henrik Ibsen nach Norwegen zurück. 1898 zu seinem 70. Geburtstag wurden ihm zahlreiche Ehrungen zuteil. Ibsen war in seinen späteren Jahren von dem Gedanken bewegt, dass er gelebt hat und richtig zu leben. Seine Grabinschrift sollte nach seinem Wunsche lauten: “Hier liegt niemand”. Tatsächlich wurde er im Jahre 1900 durch einen Schlaganfall gelähmt, wurde ans Bett gefesselt und starb erst 1906 in Kristiania.

Die Gespenster (Gengangere)

Die Gespenster waren – wie Stützen der Gesellschaft, Nora und Ein Volksfeind, ein realistisches Gegenwartsdrama. In Gespenster richtet Ibsen ein kritisches Licht auf die Grundpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft, Ehe und Christentum, und greift typische Tabus wie Inzest, Geschlechtskrankheiten und aktive Sterbehilfe auf. Ibsen war darauf aus, negative Seiten der Gesellschaft aufzudecken: Heuchelei und Verstellung und Machtmissbrauch. Er stellte unermüdlich Forderungen nach Wahrhaftigkeit und Freiheit. Wahrheit, Emanzipation, Selbstverwirklichung, persönliche Freiheit sind Schlüsselbegriffe.

Die Handlung

Helene Alving ist eine starke Frau. Sie verlässt ihren saufenden Mann, den sie des Geldes wegen geheiratet hat und flüchtet sich zu Pfarrer Manders, von dem sie Schutz und Rettung erhofft. Dieser jedoch verweist sie auf den "Weg der Pflicht" und schickt sie zurück. Sie geht. Nach außen hin wahrt sie den Schein und setzt ihrem Ehemann noch mit einem Kinderheim ein Denkmal. Ihren Sohn hatte sie schon als Kind aus dem Haus gegeben, damit er die Ehrfurcht vor seinem Vater nicht verliert und mit der Lüge aufwächst, sein Vater sei ein Ehrenmann. Das Kind der Dienstmagd, das diese von Helenes Mann bekommt, zieht sie auf, lügt die Schmach tot und kauft dem Kind einen falschen Vater. Das Lügen geht weiter. Der Säufer stirbt, der Sohn kehrt zurück. Frau Helene beginnt, Position zu beziehen gegen die bürgerliche Gesellschaftsordnung, ihre Konventionen, Pflicht- und Eheauffassungen. Sie sind das, was sie "Gespenster" nennt. Sie kämpft auch gegen den Moralprediger. An der Seite des Sohnes geht sie sogar so weit, dass sie vor dem Tabu einer Ehe Oswalds (ihres Sohnes) mit seiner Halbschwester nicht zurückscheut. Sie ist nun auf der Seite der "Lebensfreude". Das Lügen hat ein Ende, alles wird gut. Doch der falsche Vater taucht auf und nimmt das verkommende Dienstmagdkind mit in die Matrosenkneipe. Oswald erkrankt an Syphilis und wird vollends schwachsinnig. Die Lebensfreude führt zur Lebenszerstörung.

Die Gespenster entfachte einen Sturm des Abscheus und des Zornes, wie ihn Ibsen in diesem Ausmaße nie zuvor erlebt hatte. Man warf ihm Nihilismus vor, einen Angriff auf die grundlegenden Werte der Kirche, die Verteidigung der freien Liebe und die Verletzung von Tabus wie Inzest und Syphilis.

Der Auffuhr schadete dem Absatz des Buches. Große Ladungen unverkaufter Exemplare gingen an den Verlag zurück. Die Buchhändler wollten das Buch nicht in ihren Geschäften auslegen. Erst 1894 wurde eine neue Auflage des Buches gedruckt. Gespenster wurde an etlichen Theatern in den nordischen Ländern eingereicht, aber der Reihe nach von allen abgelehnt, darunter Det Kongelige Teater in Kopenhagen, Nya Teatern und Dramaten in Stockholm und das Christiania Theater. So kam es, dass die Uraufführung von Gespenster am 20. Mai 1882 in der Aurora Turner Hall in Chicago stattfand, gleichzeitig die erste Aufführung eines Stückes von Ibsen auf amerikanischem Boden. Das Stück wurde in der Originalsprache für skandinavische Auswanderer gespielt. Die dänische Schauspielerin Helga von Bluhme spielte die Rolle der Frau Alving. Die anderen Rollen waren mit dänischen und norwegischen Amateurschauspielern besetzt. Die Erstaufführung in Europa fand am 22. August 1883 in Helsingborg statt. Die Wandertruppe des Schweden August Lindberg führte das Stück auf; Lindberg selbst führte Regie und spielte den Osvald. Nach der Premiere in Helsingborg wurde das Stück in Kopenhagen, Stockholm und - am 17. Oktober 1883, zum ersten Mal auf norwegischem Boden - am Møllergadens Theater in Kristiania gespielt. Die Inszenierung erhielt sehr gute Kritiken und wurde im Herbst 1883 sage und schreibe 75 Mal aufgeführt. Die Gespenster wurden 1918 in Wien von Otto Kreisler verfilmt.