Sorranto

Friedrich Nietzsche (1844-1890)

Der Dichter, Philosoph und Romantiker Nietzsche hielt sich in Sorrent vom 27.10.1876 bis 7.5.1877 auf. Als 24jähriger Professor für griechische Philosophie in Basel wurde er aufgrund einer Krankheit Frührenter. Er erhielt eine Pension von 3000 Franken, die es ihm ermöglichte, zu reisen und die Bücher auf eigene Kosten zu veröffentlichen, für die er keinen Verleger fand. Ab da wurde er zum “ewigen Wanderer” zwischen Venedig, Gardasee, Rom, Neapel und Sorrent. Hier im Land der Sonne begann auch seine persönliche Tragödie, als sich sein Gemüt verfinsterte und sich seine Freunde, die er angriff und beleidigte, von ihm trennten. Es war auch in Sorrent, wo die Freundschaft zwischen ihm und Wagner in die Brüche ging, obwohl die Trennung sich schon bei der Einweihung des Theaters von Bayreuth abgezeichnet hatte. Die Trennung wird endgültig nach der Fertigstellung des Parsifal, der teilweise in Sorrent entstand.

Eine gemeinsame Bekannte von Nietzsche und Wagner, Malwida von Meysenbug, hatte den unter Migräneattacken leidenden Nietzsche eingeladen, den Winter mit ihr in Italien zu verbringen. Malwida hatte eine Wohnung im ersten Stock der Villa Rubinacci gemietet. Hier wohnten noch mehrere Deutsche, weshalb das Haus sich auch Pension Allemande nannte. In diesem Hotel soll es auch zum Streit mit Wagner gekommen sein.

Nietzsches Zimmer lag im Erdgeschoss. Von hier hatte er den immergrünen Agrumengarten vor Augen. Aber Nietzsche wollte sowieso nichts „sehen oder hören“ in Italien. Er hatte „völlige Ruhe, milde Luft, Spaziergänge, dunkele Zimmer“ erwartet (so in seinem Brief an Wagner nach Venedig am 27. September 1876) - und bekommen. Der Tagesablauf war regelmäßig: Frühstück um acht, um ein Uhr Mittagessen, um sieben aß man zu Abend, danach Lektüre. Tagsüber diktierte Nietzsche, wegen seines Augenleidens, seinen Begleitern. Er arbeitete an „Menschliches - Allzumenschliches“; einige der Aphorismen sind auf Wagner gemünzt.

Die Anreise

Zum erstenmal kam der Philosoph 1876 nach Sorrent, nachdem er von Genua nach Neapel mit dem Schiff gefahren war. Mit von der Reisegesellschaft waren Paul Ree, ein Schüler Nietzsches, Albert Brenner und Malwida von Meysenbug. Diese Dame beschrieb auch ausführlich die Begegnung Nietzsches mit der Stadt. Er soll trunken vor Begeisterung gewesen sein und vor Freude laut aufgeschrieben haben, als er die prächtige Natur und die liebliche Lage des Städtchens sah. Nur die Familie Wagner, mit der er noch befreundet war, war etwas indigniert, dass er nicht zu ihnen ins Hotel Vittoria gezogen war. Aber Nietzsche wollte für sich sein. Über die Aussicht von seiner Pension schrieb er: Hier sind wir unser eigener Herr, und die deutsche Wirtin ist eine brave Person. Überall sieht man hier Terrassen, vom Fenster aus sieht man Neapel im hellen Sonnenschein und mein geliebtes Ischia und den Vesuv. Vor dem Haus liegt ein richtiger Oliven- und Orangenhain, die den grünen Vordergrund des Bildes bilden.

In Sorrent besserte sich sein Gemütszustand in den ersten Monaten. Am 7.10.1876 schrieb er an Naumburg:   Es geht jetzt wieder besser, das Klima ist ziemlich mild. Ich mache viele Spaziergänge, Magen und Schlaf bestens. Doch bald setzten seine Kopfschmerzen wieder ein, weshalb er den Aufenthalt in Sorrent früher als geplant abbrach, um in Bad Ragaz seine Kur fortzusetzen.

Wir sind wieder in Sorrent! Die Reise von Bex hierher dauerte acht Tage. In Genua fühlte ich mich nicht gut. Von Genua nach Neapel brauchten wir ungefähr drei Tage auf dem Meer. Ich ziehe diese Art des Reisens der Eisenbahn vor, ich ich nicht vertrage. Wir trafen die Frau von Meysenbug in einem Hotel in Neapel. Gestern zogen wir mit ihr in unsere neue Heimat um: Villa Rubinacci in Sorrent bei Neapel. Ich habe ein sehr geräumiges Zimmer, davor eine Terrasse. Ich komme gerade von meinem ersten Bad im Meer zurück. Das Wasser war wärmer als das der Nordsee im Juni. Gestern abend waren wir bei Wagners, die fünf Minuten von hier im Vittoria wohnen und dort während des ganzen Novembers bleiben. Sorrent und Neapel sind schön. Dieser Ruf ist nicht übertrieben. Die Luft ist ein Gemisch von Meeres- und Bergluft. Der Ort könnte für meine Augen nicht bezaubernder sein: Unter meiner Terrasse erstreckt sich ein großer, baumbestandener Garten, grün und schattig auch im Winter. Und jenseits des Gartens das Meer, tiefblau und weiter hinten noch der Vesuv.