Sorranto

 

August Graf von Platen (1786-1835)

Geboren wurde der Graf aus niedersächsischem, nach Ansbach in Franken verschlagenem Adel. Nach dem Zusammenbruch Preußens 1806 kommt er in die Kadettenanstalt des katholischen  München. 1810 wird er in die Pagenanstalt aufgenommen, wird großer Lateiner und Grieche und begeistert sich an Homer und Schiller. Hier beginnt er mit antiker Odendichtung. Trotz seiner schöngeistigen Interessen entscheidet er sich 1814 zum Offiziersberuf. Im März 1818 erhielt er ein Stipendium zum Studium nach Würzburg. Hier  zeichnet sich bereits die Hinwendung zum Klassischen, die Abkehr vom Romantischen ab: Sein Vorbild wird Goethe und Racine, dessen “Bérénice” er übersetzt. Die antiken Erotiker entsprechen seiner persönlichen Anlage zur Knabenliebe, die sein Tagebuch widerspiegelt. In Erlangen entstehen 1819-20 die Erstfassungen vom “Pilger von St. Just” und vom “Grab am Busento”. Goethes “Divan” lenkt ihn dann zur persischen Dichtung, zur Form des “Ghasels”. Das Ghasél (arabisch = Gespinst) ist eine Kunstform, die von den Arabern geschaffen und von den Persern weiterentwickelt wurde. Diese Gedichte, die ihre Wirkung durch starke Betonung des Gefühls entfalten, waren bei Romantikern und Klassikern sehr beliebt.

Hier ein Beispiel aus Platens “Ghaselen” von 1821, das vielleicht auch zeigt, warum die Gedichte heute nicht mehr ankommen.

Wer zog den Nerv im Weltgehirne? Du.
Und hält das All an diesem Zwirne? Du.
Wer gab dem Neger das geflachte Haupt,
und wölbte Platons hohe Stirn? Du.
Wer schuf die Tulpe wie das Heidekraut,
die Pomeranze wie die Birne? Du.
Wer hat dasTal mit Rosen rot bedeckt,
und wer mit Eis die blaue Firne? Du.
Du bist es, der wie eine Perlenschnur,
zusammenreihte die Gestirne, du!

Mit Heinrich Heine hatte August von Platen eine lebenslange literarische Fehde. Es waren auch gerade die Ghaselen, die Heine mit Hohn und Spott überschüttete. So spottete er:

Von den Früchten, die sie aus demGartenhain von Schiras stehlen,essen sie zu viel, die Armen,und vomieren dann Ghaselen.

Der eigentliche Grund der Feindschaft war, dass Platen Heine wegen seiner jüdischen Herkunft attackiert hatte. Dafür machte Heine die Homosexualität seines literarischen Feindes publik.

Von Platens sein lebenslanger Traum war es, nach Italien zu gehen. 1824 führt von Platen zum ersten Mal eine Reise nach Venedig durch. Das Ergebnis des Eindrucks, den das Land und seine Kunst auf ihn machte, waren “Venetianische Sonette”. In Rom wird 1826-28 dann die Odendichtung zu neuem Leben erweckt. Im Frühjahr 1828 erscheinen “Die Gedichte”, sein Hauptwerk. Der Dichter besuchte in den Jahren zwischen 1827 und 1830 von Neapel aus häufig Sorrent. Aus Neapel floh er wegen der Cholera nach Palermo und wurde dort von dem kunstsinnigen Grafen Landolina gefördert.

In Sizilien erhoffte der Dichter, der im puritanischen Preußen und im katholischen München wegen seiner Homophilie ein Ausgestoßener war, ein leichteres Leben, da er meinte, dass in den mediterranen Ländern die Knabenliebe eher akzeptiert sei. Doch wurden seine Erwartungen nicht erfüllt, im Gegenteil vereinsamte er immer mehr. Schließlich verfiel er, wie andere Nordländer, die mit solchen Erwartungen nach Italien gekommen waren, dem Alkohol, 1835 starb er.

Gedichte von August von Platen http://gutenberg.spiegel.de/platen/gedichte/0htmldir.htm