Sorranto

Geschichte der Stadt Sorrent in der Frühzeit

 

Antike

Wir wissen inzwischen, dass der entscheidende Übergang der Menschheit von der Gesellschaft der Jäger und Sammler (Altsteinzeit) zu den sesshaften Ackerbauern und Viehzüchtern seinen Ausgang nahm und sich diese Neolithische Revolution allmählich nach Westen ausbreitete. Aus der Altsteinzeit oder dem Paläolithikum hat man nur wenige Spuren auf der Halbinsel von Sorrent gefunden. Dabei kann man davon ausgehen, dass die vielen Kalksteinhöhlen entlang der Küste den Menschen der Altsteinzeit einen willkommenen Unterschlupf gewährten. Dass die offene Lage zum Meer und das fruchtbare Hinterland schon früh den Handel in Gang setzten, ist ebenfalls zu vermuten. Zahlreiche archäologische Funde gibt es erst in der Kupferzeit (zwischen 2.500 und 1.800). Diese Funde weisen auf Siedler hin, die aus Anatolien, also der heutigen Türkei kamen. Diese Menschen landeten an der Mündung des Sele-Flusses bei Paestum und breiteten sich in der ganzen heutigen Campania aus. Wir haben etliche Grabfunde, die aber keine Aussagen darüber zulassen, ob sie bevorzugt Ackerbau oder Weidewirtschaft trieben. Jedenfalls zeigen Funde aus Sorrent und Piano di Sorrento, dass sie bereits feinste Keramik, Dolche und Schwerter aus Kupfer herstellen konnten. Trotzdem lebten sie noch in Familienverbänden und bildeten keine größeren politischen Einheiten.
Das änderte sich mit dem Beginn der Bronzezeit. In dieser Zeit gab es feste Siedlungen, wenn auch weiterhin die Karsthöhlen in den Milch-Bergen (Monti Lattari) bewohnt wurden, die uns die meisten archäologischen Zeugnisse liefern. Nun kamen ab dem 2. Jahrtausend vor Christus auch Seefahrer aus dem östlichen Mittelmeerraum, deren Erlebnisse und Erzählungen später von Homer in der Odysee eingarbeitet wurden. Diese Leute nennt man Mykener nach der prächtigen Burg auf der Peloponnes, die von Schliemann ausgegraben wurde. Diese Seefahrer gaben der Stadt auch den Namen. Syrreion hieß für sie der “Ort der Sirenen”. Diese Sirenen waren seltsame Mischwesen mit dem Oberkörper einer Frau und dem Unterkörper eines Vogels. Es ist traurig, dass die meisten Touristen, aber auch etliche Einheimische glauben, Sirenen, seien Fischweiber. Angerichtet hat dies nicht Walt Disney, sondern der italienische Übersetzer, der der amerikanischen mermaid die italienische Bezeichnung la sirenetta gab. Mit einer Sirene hat die Meerjungfrau aus Holywood so wenig zu tun das Produkt von Pizza Hut mit der Pizza Napoletana.
Ob die Sirenen schon immer hier wohnten oder ob die phantasiebegabten Griechen die Gesangsdamen erst kreierten und dann den Einheimischen vermittelten, lässt sich leider nicht mehr sagen. Dafür kann man sich leicht vorstellen, wie dieser Mythos zustande kam: Als die Mykener um Punta Campanella herumsegelten, lag der rauchende Vesuv vor ihnen. Zum immerrauchenden Bergschlot kam das blaue Meer und ein Panorama, wie man es sonst kaum im Mittelmeer findet. Schon das war ein Grund, den Blick von den tückischen Riffen abzuwenden, die den hölzernen Schiffen stets gefährlich nahe kamen. Das die Leute der Halbinsel mit ihren Liedern die Fremden gerne beeindrucken, wird schon damals der Fall gewesen sein. Weshalb sollte Homer sonst diesen Zwitterwesen solche Gesangstalente zuschreiben. Und dann passierte es: das Schiff der unvorsichtigen Seefahrer lief auf eines der vielen Riffe im Golf und die Matrosen gingen baden. Das Strandgut gehörte wie zu allen Zeiten und in allen Regionen den Einheimischen. Die Habgier war für die Leute sicher ein entscheidendes Motiv sich in der Gesangeskunst fortzubilden, war sie doch recht einträglich. Aber immerhin boten die Damen den Fremden eine Art Kunstgenuss, während mancher Tourist in der Region sich ausgeplündert fühlt ohne dass ihm dafür etwas geboten wird. Auf alle Fälle wurden die Vogeldamen zu einer festen Größe in der Region. Man verehrte sie von Pozzuoli bis nach Salerno. Die Stadt Neapel nannte sich sogar nach einer dieser Artistinnen „Parthenope“. Sorrent bezeugte ihnen aber die größte Verehrung, indem sie ihnen ein Heiligtum an der Punta Campanella errichteten. Nach diesem Heiligtum heißt die Bucht dort Ieranto, nach gr. Hieron = Heiligtum. Wäre dieser durchtriebene Odysseus nicht gekommen, würden die Damen vielleicht noch heute singen. Der Held hatte über ein Jahr bei der Zauberin Zirze verbracht. Ihre Insel lag südlich von Rom und heißt heute noch Monte Cerceo, auch wenn Anschwemmungen das Inseldasein beendeten: das ehemalige Eiland ist heute mit dem Land verbunden. Zirze hatte Odysseus mit weiblicher List so fest an sich gebunden, dass er an seine Heimat Ithaka und an seine treue Penelope am Webstuhl keinen Gedanken verschwendete. Da aber der übrigen Mannschaft eine solches Quantum an Weiblichkeit nicht zur Verfügung stand, meuterten sie und dem Listenreichen halfen keine Ausflüchte. Er – und notgedrungen – seine Geliebte mussten sich fügen, sondern hätten die frustrierten Matrosen alles kurz und klein geschlagen. Doch gab die Superfrau Odysseus einen guten Rat mit: Er solle sich gegen das Gesangstrio was einfallen lassen, denn bisher sei noch keiner an ihnen vorbeigekommen. Andererseits reizte den Helden sich das Repertoire der Damen anzuhören. So ließ er sich am Mast seines Schiffes anbinden, um ganz Ohr für das zu erwartende Programm zu sein. Gleichzeitig beschwor er seine Mitreisende, ihn ja nicht loszubinden, egal wie sehr er darum flehen würde. Da er aber seine Gefährten kannte und ihnen wenig Charakterstärke zutraute, träufelte er ihnen vor dem Anbinden Wachs ins Ohr.

Als dann der Chor der Vogeldamen zum Crescendo ansetzte, winselte der sonst so starke Odysseus darum losgebunden zu werden. Doch die ohropaxgeschützten Ruderer kriegten das überhaupt nicht mit und retteten so Schiff und Mannschaft. Es war dann die wildeste im Trio, Parthenope, die sich aus Frust und Gram ins Meer stürzte. Als ihr Körper in der Bucht angeschwemmt wurde, nannte man die ganze Siedlucng nach ihr. Die anderen beiden sollen vor Schreck versteinert worrden sein und stehen heute als die Inseln „Li Galli“ im Meer gegenüber Punta Campanella. Die Griechen nannten die Inselchen Seirenussai, in römischer Zeit hießen die Sirenussae. Bleiben wir einen Moment bei den Mykenern, von denen Odysseus einer war. Wir erfahren von Homer, dass sie auf den Burgen des heutigen Griechenland saßen. Agamemnon war der Herrscher Mykenes, sein Bruder Menelaos regierte Sparte, Odysseus war in Ithaka zu Hause, Nestor in Pylos u.s.w. Ihre Vorfahren waren um 2000 v.Chr. aus der Weite Asiens gekommen und hatte Hellas unterworfen, wobei sie mit den früheren Bewohnern verschmolzen. Ihren Höhepunkt erlebten sie zwischen dem 16. und der Beginn des 14. Jahrhunderts. Damals waren mykenische Seeleute wohl zum ersten Mal nach Sorrent gekommen, und zwar als Kaufleute oder als Räuber. Dass dieses Geschäft sich lohnte, zeigen die gewaltigen Goldfunde, die Schliemann aus den Schachtgräbern von Mykene holte. Ihr sozialer Status wurde im Tod durch goldene Gesichtsmasken deutlich gemacht, deren bekannteste die „Maske des Agamemnon“ ist. Dazu kamen jede Menge prunkvoller Diademe, massenhaft Figuren und Ornamenten. Als letzte Ruhestätte baute man Schachtgräber mit geradezu gigantischen Dimensionen, wie das sogenannte „Schatzhaus des Atreus" zeigt. Die Überlegenheit dieser mykenischen Griechen über ihre Gegner beruhte auf der Existenz eines Standes adliger Einzelkämpfer, die auf dem Streitwagen in den Kampf zogen. Gedeckt von dem riesigen Turmschild, bewaffnet mit Speer und Kurzschwert, trat der Recke zu Fuß dem Feind entgegen. Dem Kämpfer zur Seite standen die „Gefährten" (Hetairoi), die Gefolgsleute, die sich auch zu dem gemeinsamen Mahle im Hause des Lehnsherrn versammelten, der seine Ehre dareinsetzte, sie zu bewirten und ihnen den gebührenden Anteil an der Beute zu geben. In großen Fehden verbanden sich mehrere Fürsten, indem sie einen der Ihren als Hegem6n anerkannten und sich ihm auf Grund feierlicher Eide zur Gefolgschaft verpflichteten. War die Fehde zu Ende, so zerfiel die Waffengemeinschaft, wie sie entstanden war. Aber das kennen wir ja alles aus Homer. Doch gab es auch Kriege zwischen diesen Kleinkönigen der mykenischen Epoche, was zu einer Schwächung der ganzen Gesellschaft führte. Aufschlussreich ist eine Sage, die mehrere griechische Schriftsteller erwähnen und die mit Sorrent zu tun hat. Diodorus Siculus berichtet uns, dass ein König Ausonios, Sohn von Odysseus und der Zauberin Zirze die Gegend verlasen habe und nach Süden gesegelt sei, um dort eine unbewohnte Insel zu besiedeln, der er dann den Namen Lipari gab. Diese Legende steht im Einklang mit archäologischen Funden auf den Inseln. Dort tauchen im 13. Jh.v.Chr. neue Völkerscharen auf, die aus Mittel- und Süditalien dorthin kamen und die man Ausonier nennt. Eine größere Nekropole der Ausonierauf Lipari zeigt, dass sie ihre Toten entweder in großen Tongefässen (pittoi) in Hockstellung bestatteten oder sie verbrannten und die Asche in Urnen bestatteten, die die Form von Eimern hatten. Anhand der Grabbeigaben kann man feststellen, dass die Ausonier enge Handelskontakte mit Sardinien hatten. Auch in Griechenland gingen die ruhmreichen Zeiten der mykenischen Epoche zu Ende: ein kulturloses Bauernvolk, die Dorer oder Dorier fielen in Griechenland ein und zerstörte die mykenische Kultur. Viele Griechen, die nicht unter den Dorern leben wollten, flohen an die Küsten Kleinasiens. Doch nahmen diese Flüchtlinge eine wichtige Sache mit: die sagenhaften Erzählungen der mykenischen Seefahrer. Dort, an der Westküste der heutigen Türkei und auf den vorgelagerten Inseln lebten die Geschichte der Könige von Argos, Pylos, Sparta und des goldreichen Mykene weiter und wurden von Generation zu Generation weiter erzählt. Ein halbes Jahrtausend später hörte sie ein Mann, der in der Stadt Smyrna (heute Izmir) lebte und formte sie zu den ersten Helden-Epen des Abendlandes um. Seither erfreuen uns die Geschichten der Ilias, die die Kämpfe vor Troja beschreiben und die verzwickte Heimfahrt des Odysseus, beide von Homer besungen. Doch zwischen dem Einfall der Dorer und dem Leben Homers erstreckte sich das griechische Mittelalter. Dies bekam auch Sorrent zu spüren. Für ein halbes Jahrtausend kamen keine Siedler mehr aus Griechenland. Auf die Halbinsel kamen nun neue Völkerscharen aus dem Balkan (Illyrien) und aus dem Norden der Apennin-Halbinsel. Darunter ein Volk, das noch heute unser Staunen erregt: die Etrusker. Wenn man dem gelehrten Plinius glauben darf, war die ganze Gegend zwischen Cumae und Salerno mitsamt der Halbinsel von Sorrent fest in etruskischer Hand (a Surrentino ad Silarum amnem .. ager Picentinus fuit Tuscorum). Die Häfen der Küste wie Pompeji, Vico Equense, Sorrent und andere dienten als Handelsbasen zum Erschließen des Hinterlandes für etruskische Keramik und Metallwaren. In Vico Equense fanden die Archäologen sogar ein längeres Schriftstück der Etrusker auf einem Trinkbecher: Leider können sie es nicht verstehen; die etruskische Sprache hat bisher noch niemand entziffert. Wir wissen aber, dass die einheimische Bevölkerung die Etrusker oder zumindest deren Waren hoch schätzte, schließlich finden die Ausgräber jede Menge der begehrten etruskischen Waren in den Gräbern der Leute.

Die Griechen kommen wieder

Mit dem Gebiet um Sorrent und Salerno hatte aber das Gebiet der Handelsleute aus der Toskana seine größte Ausdehnung erfahren. Die Sache der Etrusker erhielt durch die Ankunft griechischer Siedler einen herben Rückschlag. Bereits um 760 v.Chr. waren griechische Siedler von der Halbinsel Euböa, nordöstlich von Attika gekommen. Sie trauten sich noch nicht eine Stadt auf dem Festland zu gründen, sondern ließen sich auf der vorgelagerten Insel Ischia nieder, die sie „Affeninsel“ nannten. Von hier aus boten sie ihre Waren – auch den Etruskern – an. Zwar waren die etruskischen Handwerker absolute Meister auf dem Gebiet der Bronze- und Eisenverarbeitung, doch was sie bei den Griechen an Keramik zu sehen bekamen, weckte den Geschäftsmann in ihnen. Schließlich verfügten sie über beste Handelsverbindungen ins Hinterland. Deshalb war das Verhältnis zwischen Griechen und Etruskern zunächst auch von reinem Profitstreben bestimmt, und das bedeutet, dass die Hellenen mit den Toskanern friedlich zusammenarbeiteten. Schließlich brauchte man sich gegenseitig. Neben den wunderbaren Vasen brachten die Griechen noch eine andere Sache mit, die gerade für Kaufleute unabdingbar ist: die Schrift. Die Leute von Euböa besaßen aber eine Schrift, die sich von der der übrigen Griechen bei etlichen Buchstaben unterschied. Eifrig paukten die Etrusker die neuen Zeichen, später übernahmen die Römer sie von den Etruskern, die ja in vielen Dingen ihre Lehrmeister waren. Von den Römern übernahm sie die fast die ganze Welt. Nur bezeichnen wir die Schrift heute fälschlicherweise als „Lateinisches“ Alphabet; es müsste „Euböisches Alphabet“ heißen Nun florierte also der Handel: die Griechen brachten aus Korinth und Attika die herrlichsten Vasen auf die Märkte Süditaliens. Dafür nahmen sie die eleganten Bronzewaffen und andere Metallwaren der Etrusker mit nach Hause und – nicht zu vergessen –edle Tropfen, den die Einheimischen an den Hängen des Vesuvs anbauten. Nun wusste man schon in der Antike: wo Geld fliest, lassen Spekulanten und Nachahmer nicht lange auf sich warten. Kaum stand die kleine Griechensiedlung auf Ischia, setzte ein Strom von weiteren Kolonisatoren aus dem griechischen Mutterland ein. Das kleine Eiland konnte unmöglich alle aufnehmen. Außerdem wurde es auf der Affeninsel höchst ungemütlich. Der große Inselvulkan Epomeo, der bis ins 18. Jh. seine Lava auf die Leute entleerte, hatte sich vorgenommen, es den Fremden so richtig zu zeigen. Die Häuser , die die Hellenen unter großen Opfern gebaut hatten, lagen bald unter einer dicken Lavaschicht. Nun musste man aufs Festland rüber, und 20 Jahre nach der Ankunft der ersten Abenteurer aus Hellas entstand an der gegenüberliegenden Bucht Kymai, haute Cuma. Die Etrusker sahen die Expansion mit gemischten Gefühlen. Einerseits ließ sich mit griechischer Importware gutes Geld verdienen, andererseits war zu befürchten, dass der Markt von griechischem Business bald beherrscht würde. Und genau so kam es auch. Nun setzte ein richtiger Strom aus dem Mutterland der Hellenen ein. Es entstand eine griechische Stadt nach der anderen: Pozzuoli , Miseno, Neapel. Nun entstanden weitere Städte entlang der Handelsroute. Andere griechische Städte sahen nun auch die lukrativen Märkte auf der Apenninenhalbinsel. Auf Sizilien wurde zuerst Naxos (heute Giardini-Naxos), dann Messina , dann Syrakus, dann Catania und hunderte anderer Siedlungen aus dem Boden gestampft. Und alle wollten Profit machen. Nun war den Händlern aus Mittelitalien klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie ganz vom Markt verschwunden waren. Jetzt half nur noch ein Befreiungsschlag. Entschlossen schickte sie ihre Flotte nach Süden, um die Griechen wieder dorthin zu vertreiben, von wo sie gekommen waren. Jetzt vergaßen die Griechen ihre Rivalitäten und alle Konkurrenz. Die neuen Gründungen von Kymai und Syrakus spannten ihre Flotten zusammen und brachten den Etruskern vor Ischia eine vernichtende Niederlage bei (474 v.Chr.). Zwar gelang der etruskischen Flotte bei Alalia (Ajaccio) ein kleiner Sieg, doch war es nun mit ihrer Vormacht am Golf von Neapel vorbei. Ganz umsonst war die Hilfe von Syrakus allerdings. Der dortige Tyrann Hieron I, ließ sich zum Dank die Insel Ischia schenken. So gestärkt durch die Allianz mit dem Herrscher von Syrakus rüstete Kymai (Cumae) ein Landherr aus und trieb seine Feinde bis in die Albanerberge bei Rom zurück. Dort in der Nähe lag auf einem Hügel (Palatin) oberhalb des Tibers ein unscheinbares Dorf, mit dem sich die Weltgeschichte bald ausführlich beschäftigen musste: Rom. Die Enkel des Romulus und Remus, der Gründer der Tiberstadt waren es dann später, die das Volk der Etrusker dann vollends auslöschten. Doch wenden wir uns wieder Sorrent zu. Wir haben ja gehört, dass sich Siedler aus Sorrent im 13. Jh. auf Lipari niedergelassen hatten. Mehr als 600 Jahre später floss der Strom in umgekehrter Richtung. Griechische Siedler hatten sich im 6. Jahrhundert auf den Liparischen niedergelassen und versuchten von dort aus mit dem italischen Festland in Handelsbeziehung zu treten. Der beste Markt war eindeutig der Golf von Neapel, denn von dort gingen mehrere Handelsstraßen ins Hinterland, außerdem bot der Fluss Sarno, der bei Pompeii ins Meer mündete, beste Transportmöglichkeiten. Zudem fand der exquisite Wein vom Vesuv überall im Mittelmeerraum reisenden Absatz. Leider waren aber die besten Stellen am Golf schon von anderen Griechen besetzt. Auch an der Mündung des Selce, in Salerno und Paestum saßen schon Landsleute. Also versuchte man es mit der Halbinsel, die dazwischen lag. Die Handelsmöglichkeiten waren hier natürlich bei weitem nicht so gut. Den Bau einer Straße ließ die schwierige Topographie nicht zu, man konnte diese Stellen nur mit dem Schiff anfahren. So war es übrigens noch bis ins 18. Jahrhundert. Trotzdem versuchte man es. Wie üblich nahm man das Feuer des heimischen Herdes und die Schutzgottheit der Stadt Athene mit aus Lipari. Anscheinend hatten die Leute von Sorrent nichts gegen die neuen Siedler, es wäre ein leichtes gewesen ihre von der Steilküste herab mit Steinen zu bewerfen und sie so wieder auf die Äöolischen Inseln zurückzutreiben. Diese Fremden brachten nämlich nicht nur attraktive Waren, sondern fortgeschrittene landwirtschaftliche Techniken mit, die man hier gut gebrauchen konnte. Ferner mussten die Sorrentiner immer damit rechnen, dass die im Hinterland siedelnden Samniten über die Berge zum Plündern kommen können. Dass die Griechen willkommen waren, zeigt schon die Tatsache, dass man gemeinsam eine Stadtmauer schuf. Es ist ein großes Glück, dass eines der Stadttore als Symbol der sorrentinisch-griechischen Kooperation noch heute existiert. Es ist die Porta Greca, die den Weg zum Fischerhafen (Marina Grande) überspannt. Gemeinsam suchte man sich jetzt neue Märkte. Als beste Handelspartner stellten sich die Städte Athen und Marseille heraus. Schon der Name der Stadt Syrreion ließ bei den griechischen Fremden Heimatgefühle aufkommen, kannte man doch seit Generationen Homers Erzählung von den Vogeldamen. Entsprechend verehrte man sie in ihrem Heiligtum hoch über der Punta Campanella, wo heute die Kapelle San Costanzo steht. Doch war es patriotische Pflicht auch der eigenen Schutzgöttin Athene eine Heimstatt zu errichten. Diese entstand ebenfalls an der Punta Campanella, der Spitze der Halbinsel. Von diesem Tempel steht heute nichts mehr, man fand aber die Treppen die aus dem Felsen herausgeschlagen wurden und eine Inschrift in der einheimischen oskischen Sprache, der auf Athene Bezug nimmt. Der Bau des Tempels an dieser Stelle hatte aber ganz praktische Gründe. Er diente den Seeleuten in der Nacht als Leuchtturm und am Tage als Orientierungspunkt. Bei Sturm konnten die Schiffe auch Unterschlupf in der benachbarten Bucht von Ieranto finden; Ieranto trägt nach heute das Heiligtum der Athene (hieron) im Namen. Was man immer geahnt und gefürchtet hatte, trat aber bald ein. Im Laufe des 5. Jahrhunderts drängten immer mehr Siedler aus dem Hinterland in die Städte der Küste, so auch nach Sorrent, das inzwischen zu einer griechischen Stadt geworden war. Diese Bergvölker hatten viele Kinder aber wenig landwirtschaftliche Flächen. Außerdem lockte die Küste mit ihren bequemen Städten und attraktiven Waren. So lag es nahe an die Küste zu ziehen. Dies geschah aber nicht durch eine militärische Eroberung, denn kein antiker Schriftsteller erwähnt eine solche. Man zog einfach zur Küste, baute eine Hütte und bestellte das Feld. Doch standen diese wilden Bergvölker kulturell noch weit unter den fortschrittlichen Griechen. Deshalb warten sie zunächst auch nicht in der Lage, die Verwaltung zu übernehmen; und so blieb die griechische Kultur in Sorrent noch lange erhalten. Ein ähnliches Schicksal hatten die Städte Pompeji, Herculaneum, Stabiae, Nocera u.a.

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Dieser Artikel ist dem Studienordner Neapel von albatours entnommen.