Sorranto

Geschichte Sorrents im Mittelalter

Wie alle Städte Italiens hatte Sorrent unter dem Ansturm der Barbaren zu leiden. So wurde es zweimal von den Langobarden geplündert und zerstört. In dieser Zeit lebte hier der Stadtheilige Antoninus, dessen Statue heute die Fremden auf der Piazza Tasso begrüßt. Eine weit schlimmere Plage waren aber die Sarazenen, arabische Seeräuber, die erfüllt von den Lehren des Propheten und getrieben von Habgier die Mittelmeerküsten verwüsteten. Damals wurde auch die römische Stadtmauer verstärkt. Ebenfalls aus dieser Zeit stammen die Wachtürme entlang der Küste der Halbinsel, die eine frühzeitige Warnung der Bevölkerung gewährleisten sollten (9.-10.Jh). Ab dem zwölften Jh. teilte Sorrent die Geschicke des benachbarten Neapel. Die Herren der Region waren nacheinander Byzantiner, Normannen, Staufer, Franzosen, Aragonesen, Bourbonen. Im Gefolge der Normannen kam auch der arabische Geograph Idrisis hierher. Dieser schrieb über Sorrent:
s ist eine höchst angenehme Stadt, sehr bevölkert, bietet viele Möglichkeiten zur Erholung und ist umgeben von reichen und fruchtbaren Weinbergen. Der Hafen der Stadt ist allerdings nur klein.

Nach den Normannen kamen die Staufer. Vor allem die weitsichtige Politik und moderne Verwaltung von Friedrich II, (stupor mundi) der z.B. als erster Herrscher in der Geschichte Gesetze zur Reinerhaltung von Luft und Wasser erließ, wirkte sich auch auf die Halbinsel Sorrent vorteilhaft aus. Der Schwabe Friedrich II war es auch, der die Universität von Neapel gründete. In Neapel endete mit der Enthauptung Konradins von Schwaben das ruhmreiche Geschlecht der Staufer. Auf Geheiß des Papstes übernahm die französische Familie der Anjou Unteritalien mit Sizilien als Lehen. Die Franzosen führten sich dabei so übel auf, dass die Sizilianer einen Aufstand machten und sie 1282 von der Insel warfen. Nun wurde Neapel ihre Hauptstadt, wovon noch heute das klotzige Castello Angioino zeugt. Es war dann Ferdinand von Aragon, der sie Ende des 15. Jh. endgültig aus Unteritalien vertrieb. Nun fiel das Land an die Herrscher von Aragon, die es durch einen Vizekönig verwalteten. Als Karl V. Enkel von Ferdinand dem Katholischen, der gleichzeitig Spanischer König und deutscher Kaiser, Herrscher eines Reiches wurde, in dem die Sonne nie unterging, folgte Sorrent dem Schicksal Spaniens. Dies hatte schlimme Folgen für die Halbinsel. Die Franzosen hatten nie den Anspruch auf Unteritalien aufgegeben, auch wenn sie von hier vertrieben worden waren. Deswegen kam es zum Krieg zwischen dem Kaiser und dem französischen König Franz I., der 1525 bei Pavia in einer Niederlage der Franzosen und sogar der Gefangennahme des Königs endete. Nun entschloss sich der französische König nach seiner Freilassung dem Kaiser in Unteritalien richtig einzuheizen. Er überredete den großen Türkenherrscher Süleyman mit dem Beinamen „Der Prächtige“ mit seinen Flotten die Städte Unteritaliens zu plündern. Zu diesem Vorhaben schickte der christliche König Franz I. eine beträchtliche Summe Geld an den muselmanischen Herrscher am Bosporus. Während Süleyman sich auf den Weg nach Wien machte, der Hauptstadt des Reiches und größte Stadt der Christen, fielen die von Süleyman ausgerüsteten Piraten über Sorrent und die anderen Städte her. Ihre Ausgangsbasen waren Tunis, Algier und Tripolis. Karl V. reagierte mit einer Strafexpedition nach Tunis 1535. Er eroberte die Stadt und befreite viele tausend christliche Sklaven. Eine zweite Expedition nach Algier 1541 schlug jedoch fehl. In aller Eile wurden entlang der Küste die heute noch sichtbaren „Sarazentürme“ hochgezogen. Auf ihnen saßen die Jungen, die noch nicht auf dem Felde arbeiten konnten, aber schnell rennen konnte. Sobald sich ein Schiff im Schutze der Buchten näherte, rannten diese Jungens ins Dorf und warnten die Leute. Dabei hatten die Bewohner von Sorrent noch einigermaßen Glück: sie konnten immerhin mit Sack und Pack in die Berge flüchten. Die Leute von Capri hatten diese Chance nicht. Auch der Bau von Sarazenentürmen wäre sinnlos gewesen. Daher verließen sie die Insel vollständig und siedelten auf das Festland um. Der schlimmste aller Piraten Süleymans war Kair Eddin, den die Italiener wegen seines roten Bartes Barbarossa nannten. Die Erinnerung an seine Unternehmungen leben noch im Namen des Castello Barbarossa in Anacapri weiter. Traumatisch für die Bevölkerung war der Überfall von Barbarossas Nachfolger Pialì Mustafa am 13.Juni 1558. Anfang Juni 1558 hatten sich 120 türkische Schiffe unter dem Befehl des Piraten Dragut von der Türkei aus in Bewegung gesetzt und zuerst die Küsten Apuliens und Kalabriens geplündert; danach segelten sie zum Golf von Neapel. Damit Frauen und Kinder von Sorrent nicht eine Beute der Türken würden, schickte der spanische Vizekönig einen Beauftragter (commessarius), der dafür sorgen solle, dass diese fürsorglich weggeschickt werden. In einer zeitgenössischen Chronik lesen wir:
Comessarium, qui .. praecepit, ut statim feminae et pueri ob Turcarum classium timorem ab ipsa Civitate discederent et tutum locum peterent.

Gleichzeitig schickte er 120 Soldaten zur Unterstützung. Doch die Leute von Sorrent, die in dieser Chronik „blind und taub“ (caeci et surdi) genannt werden, glaubten das alles nicht (non cogitantes dictum Commesarium esse Omnipotentis Dei Nuntium recusaverunt hoc facere) und schickten die Soldaten wieder weg, da sie ihnen auf der Tasche lägen. Dazu muss man aber wissen, dass bei früheren Gelegenheit die fremden Soldaten es sich gut gehen ließen und die Gemeinde ordentlich schröpften. Doch ausgerechnet in der Nacht nach dem Abzug der Soldaten kamen die Türken. Am Fest des hl. Antonius von Padua schliefen die Bewohner, während die Türken von zwei Seiten angriffen. Der rechte Flügel überfiel die schlafenden Bewohner von Massa Lubrense und nahm 1500 Gefangene mit. Der andere Flügel griff Sorrent bei der Marina Grande an. Es hieß, dass ein türkischer Diener, der bei der Familie Correale in Diensten stand, ihnen die Tore geöffnet habe. Die Türken plünderten zuerst das Kloster der Dominikanerinnen, dann griffen sie die Kirche des hl. Antoninus an, in der sich viele Einwohner verschanzt hatten. Nach einem äußerst blutigen Kampf fiel das Gotteshaus am Ende an die Angreifer, die von den Überlebenden die Jungen als Gefangene mitnahmen. Außerdem packten sie die Kirchenglocken und die Statue des Stadtheiligen ein. Insgesamt schleppten sie 2000 meist junge Leute aus allen Schichten und von allen Familien der Stadt mit sich. Geplündert wurden auch der Dom, die Kirche der Annunziata und zahlreiche private Häuser. Einige ältere Leute beiderlei Geschlechtes wurden geköpft. Das geschah mit großem Lärm und Geschrei (cum magno clamore et ululatu et tremore).

Nach dem Abzug der Türken brachten die Leute ihren Schmuck zusammen und schickten eine Delegation in den Orient. Es gelang ihnen aber nur ungefähr 120 Personen wieder freizukaufen. Voller Wehmut sind die Klagen der Angehörigen, deren Kinder auf den Sklavenmärkten des Orients verschwunden waren. Sorrent nahm alle Kraft zusammen, um die seit den Tagen der Römer vernachlässigte Stadtmauer wieder neu zu errichten. Ein Teil der Mauer ist in Sorrent noch bei der Porta Romana zu sehen.

Als dann die vereinigte Flotte der Christen unter der Führung von Juan d´Austria, dem Sohn Karls V. die Türken 1571 bei Lepanto schlug, war die Freude in Sorrent groß, zumal viele Einwohner der Stadt auf der Seite der christlichen Sieger kämpften. Die Seeschlacht, bei der die Türken fast 200 Schiffe verloren, schwächte sie dermaßen, dass die Überfälle allmählich aufhörten. Doch erfüllte dieser Sieg mehrere Häuser Sorrents mit Trauer. Unter den 7000 christlichen Gefallenen war auch der Sorrentiner Kapitän Agostino Barbarigo, dessen Schiff mit vielen Ruderern aus seiner Heimatstadt verloren gegangen war.

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Dieser Artikel ist dem Studienordner Neapel von albatours entnommen.