Sorranto

Geschichte Sorrents in der Neuzeit

Unruhige Zeiten gab es auch in Süditalien als in Frankreich die Revolution das Ancien Régime hinwegfegte. In Neapel verfolgte man die Umwälzung mit Sympathie, verjagte den spanischen Vizekönig und rief nun selbst eine Republik aus, die man in Erinnerung an die ruhmreiche Antike Repubblica Partenopea nannte. In Sorrent selbst wurde ein Freiheitsbaum aufgestellt, wobei man eine Pinie mitsamt den Wurzeln ausgrub und mit der Trikolore behängt. Doch drangen allmählich düstere Nachrichten aus Paris nach Süditalien. Der dortige Blutrausch bestätigte königstreue Leute in ihren Zweifeln. Bald kam es zu royalistischen Aufständen in vielen Städten. Deshalb sandten die Franzosen eine Abteilung Soldaten aus Neapel, die unter dem Kommando des Generals MacDonald stand. Besonders in Salerno kam es zu Aufständen, die durch das Auftauchen einiger britischer Schiffe ermutigt wurden. Der General schlug die Königstreuen am Sarno und eroberte Castellamare und Gragnano. Als die britischen Schiffe vor Sorrent lagen, kam es auch hier zu Aufständen und ein Vertreter der Verwaltung wurde umgebracht. Sofort kamen die französischen Truppen anmarschiert, doch dank der Vermittlung des Erzbischofs ergab sich die Stadt ohne weiteres Blutvergießen. Zur Sicherheit rissen die Franzosen aber einen Teil der alten Stadtmauer ein. Inzwischen hatte es ein kleiner Korse zum Kaiser der Franzosen gebracht. Er war als Italiener geboren und sprach ein Leben lang mit starkem korsischen Akzent. Es war am 19.November 1805, als eine Abteilung Franzosen in Sorrent einmarschierten. Dieses Mal betrachtete man sie nicht als Feinde. Vielmehr schenkte Signor Spasiano, Nachkomme von Tasso dem Kommandanten ein Bild des großen Dichters, das heute im Louvre hängt.

Es waren auch diese Franzosen, die den modernen Tourismus nach Sorrent ins Leben riefen. Damals zogen sich die höheren Offiziere und Verwaltungsbeamte der Franzosen in den heißen Monaten nach Sorrent zurück. Bevorzugt wohnten die französischen Generale sie im Hotel Cocumella, das bis zur Säkularisierung ein Kloster der Dominikaner war. Gleichzeitig entstanden für die niedrigeren Chargen und für die fremden Dichter und Maler die Pension Rosa Magra. Dort schrieb Ibsen den Peer Gynt und Paul Heise Das Lied von Sorrent.

Unter französischer Besetzung nahm auch die Intarsienherstellung einen großen Aufschwung, obwohl dieses Gewerbe natürlich schon in der Antike hier heimisch war. Doch fielen bereits Schatten auf Napoleons Ruhm. Im selben Jahr 1805, als Nelson die französisch-spanische Flotte bei Trafalgar besiegte, tauchten die Engländer vor Sorrent und Neapel auf. Am 18.11.1805 landeten sie ihre Truppen bei Castellamare. Nun schickte Napoleon seinem älteren Bruder Josef (geboren als Giuseppe) und übertrug ihm das Königreich Neapel. (Eigentlich sollte dieser ursprünglich die Laufbahn eines Geistlichen antreten). Am 11.11.1806 setzte sich Joseph Bonaparte in Neapel die Krone des Königreiches aufs Haupt. Der neue König war ein großer Verehrer von Torquato Tasso und ließ sich gleich eine Statue in seinem Garten aufstellen. Als er einmal nach Sorrent kam, merkte er, dass man dort nicht einmal ein Denkmal für den großen Sohn der Stadt aufgestellt hatte und gab sofort den Auftrag dafür. Er sorgte auch dafür, dass die verstreuten Manuskripte und Dokumente im Geburtshaus in einer eigenen Sammlung zusammengefasst würden. Doch im September 1808 rief Napoleon seinen Bruder Joseph nach Madrid und ernannte seinen Schwager Joachim Murat zum Nachfolger in Neapel. Dieser schritt sofort zur Eroberung der Insel Capri, die zwischenzeitlich von den Engländern besetzt worden war. Er selbst beobachtete von Massa Lubrense aus die Kämpfe. Im belgischen Waterloo wurde dann Napoleon endgültig besiegt und zwar von General Wellington, der dann 20 Jahre später auch Sorrent besuchte (1835).

Nach dem Wiener Kongress (1815) fiel Süditalien an die spanischen Bourbonen. Auch den Bourbonen gefiel die Halbinsel von Sorrent; daher die vielen Ville burboniche zwischen Meta und Massa Lubrense. Im übrigen lebten diese Adeligen von der Ausbeutung ihrer Untertanen und hatten wenig Interesse an einer gezielten Förderung des Landes. Das Geld, das ihnen auf diese Weise zufloss, verprassten sie in der Stadt Neapel oder auf ihren Landvillen. So versteht man, weshalb die Leute den Plänen eines Garibaldi folgten, der mit Tausend Freiwilligen in Sizilien gelandet war und ein zahlenmäßig überlegenes Heer der Bourbonen in die Flucht schlug. Die Soldaten der Bourbonen merkten, wo die Zukunft lag und liefen zu dem Revolutionär aus Nizza über. Nun begann der Siegeszug durch Kalabrien nach Neapel, dessen Bevölkerung Garibaldi am 8.September 1860einen begeisterten Empfang bescherte. Damals hofften alle Süditaliener, dass die Verbindung mit dem fortschrittlichen Norditalien ihre zurückgebliebenen Regionen nach vorne bringen würden und in Sorrent verfolgte man mit großem Interesse die neue Entwicklung und stimmte mit großer Mehrheit für ein vereinigtes Italien. Entsprechend begeistert begrüßte man den neuen König Vittorio Emmanuele am 21.November im fahnengeschmückten Sorrent.

Tatsächlich profitierte die Halbinsel von der Vereinigung Italiens im Gegensatz zu vielen anderen Landstrichen des Südens, die von Räuberbanden (briganti) heimgesucht werden. Hier auf der Halbinsel besann man sich auf das, was man seit jeher gut konnte: die Seefahrt. In Piano und Sorrent wurden Schulen für Seeleute eingerichtet (Scuola Nautica). Eine neue Straße verband Sorrent mit Massa Lubrense und erschloss so das Hinterland (1865). Nun besann man sich auch auf sein kulturelles Erbe und trug alles zusammen, was an den großen Dichter Torquato Tasso erinnerte. Nachdem unter Napoleon und den Bourbonen die Halbinsel nach zweitausend Jahren wieder zum Ort der Sommerfrische geworden war, kamen jetzt die ersten Besucher, fast nur Monarchen, Adelige und Industrielle. Hotels sprangen nun aus dem Boden, die die Bedürfnisse einer gehobenen Kundschaft befriedigten. Der Fortschritt ließ sich nicht mehr aufhalten, wenn auch manche Maßnahme im Nachhinein nicht sehr glücklich erschien. So wurde an der Staelle des römischen Decumanus Maximus eine breite Straße angelegt (der heutige Corso Italia), der die urbanistische Struktur des römischen Surrentum zerstörte. Sehr fortschrittlich war der Bau einer Strecke für die Dampfstraßenbahn (tram a vapore), die die Halbinsel mit Castellamare verband. Großen wirtschaftlichen Aufschwung nahm Sorrent mit dem Bau der Straße Castellamare - Sorrent 1834. Vorher war die Stadt nur über See erreichbar. Damit fanden die landwirtschaftlichen Erzeugnisse Zugang zum großen Markt von Neapel: Zitrusfrüchte, Wein und Nüsse. In der Mitte des 19 Jhs. wurde in Castellamare eine Werft gebaut, die man sowohl von der Straße aus als auch von der Bahn aus noch heute sieht, und in Neapel etablierten sich viele Schifffahrtslinien. Das Leben als Matrose auf einem der großen Ozeanriesen wurde das Schicksal vieler junger Männer aus Sorrent. Neben der Seefahrt erlebte die Herstellung der Intarsien eine neue Blüte; zur Ausbildung der Kunsthandwerker gründete man die Scuola di disegno, intarsio ed intaglio, heute das Istituto d´Arte. Groß gefeiert wurde der dreihunderste Todestag von Tasso 1893. Im Jahre 1900 wurde das Museo Correale eingeweiht, denn die Fremden begannen sich für die Geschichte ihres Ferienortes zu interessieren. Der Erste Weltkrieg brachte den Fremdenverkehr zum Erliegen, danach ging es nur langsam aufwärts. Die Weltwirtschaftskrise brachte einen weiteren Rückschlag. Der Faschismus Mussolinis fand in einer weltoffenen Stadt, die von den Besuchern demokratischer Staaten wie Groß-Britannien und den USA lebten, wenig Gegenliebe. Dies umso mehr, als die Faschisten die Gemeinden von Sorrent, Piano, Meta und S. Agnello unter einem Podestà zusammenfassten. Als die Aliierten in Salerno an Land gingen, zogen sich die Faschisten zurück, nahmen aber beim Weggang den Philosophen Benedetto Croce mit, der in Sorrent in der Villa Tritone lebte. Danach lösten die vier Gemeinden die gemeinsame Kommune sofort wieder auf.

1947 wurde die Strecke der Kleinbahn Circumvesuviana zwischen Castellamare und Sorrent eröffnet, die als Meisterwerk der Ingenieurskunst gilt. Jetzt konnte man in weniger als einer Stunde in Neapel sein. Diese Verbindung brachte der Halbinsel einen enormen Aufschwung, aber auch eine gewaltige Zunahme der Bevölkerung. Wohnten 1939 hier 9.989 Personen, waren es 1981 mit 17.379 doppelt so viele. Der wachsende Strom an Touristen machte den Bau vieler Hotels notwendig, wobei Sorrent aber nie auf Wachstum um jeden Preis setzte. Dennoch war es nicht zu verhindern, dass sich Spekulanten hier breitmachten, die Gelder aus zweifelhaften Quellen investierten. Zwar verabschiedete man mehrere Bebauungspläne, allerdings erst, als die Gebäude die Landschaft verunstaltet hatten. Wer Geld hatte, versuchte auf die Planung Einfluss zu nehmen, wie der Schiffsmagnat Achille Lauro. Sein Druck ermöglichte es ihm, einen der schönsten Orangengärten in seinem Sinne umzubauen, der heutige Parco Angelina Lauro. Kritische Stimmen wurden dadurch zum Schweigen gebracht, dass der Gemeinde eine Mittelschule geschenkt wurde, die ebenfalls den Namen des Spenders trägt. Zwar gab die Reederei vielen Sorrentinern in seinem Schiffsimperium Brot und Arbeit, aber die Einflussnahme auf die Politik mit Hilfe seines Wahlbündnisses „Sorrentino“ war doch sehr stark. Heute wurde es ihm wohl nicht mehr gelingen den Bau der abscheulichen Via degli Aranci, die quer durch Gärten und Wohngebiete geschlagen wurde, durchzudrücken. Unausbleiblich war, dass auch die ehrenwerte Gesellschaft in Hotels und anderen Strukturen des Fremdenverkehrs investierte. Dabei traten die ehrenwerten Männer nicht selbst in Erscheinung. Ein Brüderpaar, das bis dorthin als Obsthändler gearbeitet hatte und die Analphabeten waren, gerieten so in die Rolle von ehrenwerten Hoteliers.

In den 70er-Jahren verändert sich der Charakter des Fremdenverkehrs grundlegend. Die traditionellen Hotels wie Vittoria, Tramontano, Sirene, Royal, um nur einige zu nenne, waren umgebaute Villen, die die Gäste aus dem Norden aufnahmen, die in Sorrent überwintern wollten. In den Sommermonaten waren diese Häuser geschlossen. Nun fanden interessierte und gebildete Angehörige der Mittelschicht ihren Weg auf die Penisola, die Pompeji, Herculaneum, die Phlegräischen Felder und Capri sehen wollten. Diese Leute besaßen nicht unbedingt das große Geld und suchten deshalb günstige Quartiere. Dank der Förderung durch die Cassa del Mezzogiorno entstand nun eine Vielzahl kleinerer Pensionen der unteren Kategorie. Um es in Zahlen auszudrücken: von 1963 bis 1983 stieg die Zahl der Betten von 4.517 auf 9.931. Fanden 1963 noch 75% der Bewohner von Sorrent ihr Auskommen in der Landwirtschaft, so war die Mehrheit nach 20 Jahren im Fremdenverkehr beschäftigt. Auch der Tourist selbst änderte sich in diesen Jahren. Anfänglich kam der Fremde nach Sorrent bestens informiert. Er kannte aus Reiseführern genau die Fahrzeiten der Kleinbahn, den Preis nach Pompeji, die Öffnungszeiten; ihn reizte es wie die Kavaliere der Grand Tour eigene Entdeckungen und Erfahrungen zu machen, auch wenn er gelegentlich Lehrgeld zahlen musste. Mit der Zeit übertragen die Fremden ihre Ausflüge immer mehr den Reisebüros. Der Bus holte sie vom Hotel ab, brachte sie zur Ausgrabungen; man musste sich überhaupt um nichts mehr kümmern. Selbst das Mittagessen findet dort statt, wo die Reiseleiter für die Gäste „einen guten Preis“ ausgemacht hat, denn ein besonderes gastronomisches Erlebnis wird nicht mehr als Gewinn angesehen. Statt der Holzofenpizza in einem Gartenlokal lässt man sich die tiefgekühlte Pizza in einem pseudo-englischen Pub servieren, das die Gäste mit dem Schild Tea as Mom it makes lockt; statt des Bauernschoppens wird ein international bekanntes Fernsehbier getrunken.