Sorranto

Intarsien

Das Kunsthandwerk

Jede Stadt in Italien, die auf eine lange Geschichte zurück blicken kann, hat sich in einem besonderen Kunstgewerbe hervor getan. So ist Prato die Stadt der Stoffe, Vietri sul Mare und Caltanisetta haben sich einen Namen in der Keramik und der Kunst der Fließenmalerei hervorgetan. Pistoia baute die besten Handfeuerwaffen (daher unser Wort Pistole). Und Sorrent ist in ganz Europa seit Jahrhunderten bekannt für seine Holzeinlegearbeiten oder Intarsien. Die Kirchen der Stadt sind stolz auf Kunstwerke aus Intarsien, die viele Jahrhunderte alt sind oder die in den 80er-Jahren von Künstlern der Stadt gefertigt wurden wie die Türen des Doms.

Geschichte der Intarsien

Es ist schwierig, den Beginn dieser Kunst historisch zu fassen. Auf alle Fälle muss man auf die Kunst der Römer zurück greifen, die die ersten großen Künstler auf dem Gebiet der Einlegearbeiten waren. Sie kannten bereits das opus tesselatum, das Mosaik mit kleinen Steinchen (tessera = Steinchen) und das opus sectile, die Einlegearbeiten mit länglichen Streifen von Stein (sectare = schneiden). Leider sind keine Holzeinlegearbeiten der Römer mehr erhalten, denn dieses Material hat sich unter der Asche des Vesuvs nicht erhalten. Zahlreich dagegen sind die Kunstwerke aus Stein, die wir heute in Pompeji und im Museum von Neapel bewundern können. Wir hören dann fast eineinhalb Jahrtausende nichts mehr von der Holzeinlegekunst. Die Quellen sprudeln erst wieder im 16. Jahrhundert. So hören wir, dass der Bischof von Sorrent im Jahre 1596 15 Dokaten für die 7 Kerzenhalter für den Dom von Sorrent an den Künstler Nunzio Maresca bezahlte. Dieser Mann schuf zahlreiche Kunstwerke in mehreren Kirchen der Gegend. Wir hören auch, dass die Künstler der Stadt ihr Wissen und ihr Können in andere Teile Europas trugen. Es gibt ein heute noch bekanntes Zentrum für Intarsienherstellung im fernen England, und zwar in Tunbridge Wells, 55 km nördlich von London. Eine Quelle aus dem frühen 19. Jahrhundert berichtet uns von der Anwesenheit italienischer Künstler in der Stadt.

Die Künstler

Im 19. Jahrhundert traten auch die Künstler namentlich hervor. Wir hören von der Werkstatt eines Luigi Gargiulo, in der seine ganze Familie arbeitet. Um 1880 macht sich ein Antonio Cuomo einen Namen, der bereits in großem Stil nach Amerika exportiert und der zum größten Intarsienhersteller der Stadt aufsteigt. Überhaupt beeinflusste der Export und der Tourismus die Kunst der Holzeinlegearbeiten in vielfältiger Weise. Besonders die Bewohner der Neuen Welt schätzen das Inlaid – Woodwork from Sorrento und ihr Ruhm und ihre Motive verbreiteten sich durch Zeitschriften und Handbücher, wie das Cabinet Dictionary des Thomas Sheraton, der Intarsienarbeiten, wie die „Quartetto Tables“ vorstellte, also vier Tische, die – immer kleiner – untereinander geschoben werde können. Sie sind auch heute noch beliebte Objekte in den Intarsiengeschäften und Antiquariaten. Die Nachfrage reicher Amerikaner gab der künstlerischen Entwicklung einen großen Auftrieb, andererseits führte die Nachfrage von Touristen und die folgende Massenproduktion zu einer Verflachung des künstlerischen Anspruchs.

Motive

Sind aus den 17. und 18. Jahrhunderten vor allem religiöse und floreale Motive vorhanden, so griffen die Künstler im Laufe der Ausgrabungen des 19. Jahrhunderts vor allem Motive auf, die in Pompeji und den anderen verschütteten Städten neu ans Licht kamen. Besonders beliebt waren die Opfergirlanden des 4. Pompeijanischen Stils, heidnische Götter, Faune, Eroten, Satyre, Bacchantinnen, überhaupt die Motive aus dem antiken Dionysoskult. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Szenen aus dem volkstümlichen Leben Neapels immer beliebter, denn dies waren die Darstellungen, die die Reisenden der Grand Tour mit nach Hause nehmen wollten. Wir sehen Szenen des täglichen Lebens mit Bauern, Fischern und einfachen Leuten. Eines der häufigsten Motive war der Tanz der Tarantella, der damals noch zum Volksleben gehörte. Die Darstellung der Landschaft kam erst im 20. Jahrhundert als Motiv auf. Beispiele aus all diesen Epochen sieht man im Museo Correale in Sorrent. Antike Darstellungen sind heute fast ganz verschwunden, während man das Motiv der Trachten, die als solche ganz aus dem öffentlichen Leben verschwunden sind, als nostalgische Erinnerung an das 19. Jahrhundert weiterhin sich großer Beliebtheit erfreuen. Ansonst hat der Souvenirmarkt dem Kitsch und der Geschmacklosigkeit die Tore weit geöffnet.

Die Herstellung

In der Kunst der Intarsienherstellung gibt es große qualitative Unterschiede, die vom billigen, maschinengefertigten Souvenirartikel bis zum hochwertigen künstlerischen Produkt reichen, das nach Vorstellungen des Kunden von einem bekannten Designer aus besten Hölzern angefertigt wird. Heute werden die Intarsien fast ausschließlich aus Holz gefertigt. In früheren Jahrhunderten nahm man auch Elfenbein, Kupfer und Messing. Bei den einfachen Intarsien werden oft gefärbte Hölzer verwendet, was bei den Arbeiten der großen Künstler nie der Fall ist. Überhaupt ist die Wahl der Hölzer eines der wichtigsten Kriterien. Mit der entsprechenden Maserung sollen Tiefenwirkung, Perspektiven und Chiarscuro-Effekte (= Hell-dunkel) geschaffen werden. Ein Künstler (disegnatore) erstellt eine Vorlage für den Handwerker (intarsatore). Dieser Handwerker sägt die dünnen Holzblätter mit einer Laubsäge zu. Dabei werden mehrere Schichten der nur 1-2 mm dicken Holzfolie zusammengepresst. Früher geschah dies mit einer vierbeinigen Säge, die capretta genannt wurde, im Dialekt a’ scanella). Der Intarsatore folgt dabei den Linien auf dem Papier, das der Zeichner hergestellt hatte. Das Sägen geschieht heute natürlich mit computergesteuerten Sägen. Dann werden die Stücke zusammengesetzt und aufgeleimt. Ein weiterer Handwerker, der impaligiatore verfeinert mit Pinsel und Tusche die Zeichnungen und verbessert fehlerhafte Stellen. Der ricacciatore schleift gibt dem Holz dann den letzten Schliff.

Das Holz

Zu Beginn des 19. Jahrhundert nahm man ausschließlich einheimische Hölzer, wie Olive, Stechpalme, Orangenbaum, Ahornbaum, Walnuss, Kastanie. Heute kommen Palisander, Ebenholz, Tuja und andere exotische Hölzer dazu.

Die Krise

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wird Sorrent vom Niedergang der Intarsienherstellung betroffen. Schon seit vielen Jahren imitiert man in China den besonderen Stil der Intarsien von Sorrent und exportiert die Produkte in die ganze Welt. Dabei wird kaum unterschieden, ob es sich um Inlaid – Woodwork from Sorrento handelt oder um Sorrento Inlaid – Woodwork. Der Preisunterschied ist aber gewaltig: in China produziert man maschinell in Sorrento werden die wertvollsten Arbeiten mit Haus ausgeführt. Noch gibt es die kleinen Werkstätten, wo der Meister an der Stichsäge steht, dieser Anblick wird jedoch der Vergangenheit angehören. Für die meisten Besucher muss die Intarsienarbeit billig sein. Da auch nicht Made in China draufsteht ist es den meisten egal, wenn das Stück nicht aus Sorrent kommt.

Dieser Artikel ist dem Studienordner Neapel von Albatours entnommen.