Sorranto

Agrumen

Eine ,,sagenhafte" Frucht
,Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Gold-Orangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl? Dahin, dahin
möcht ich mit dir, o mein Geliebter ziehn.

So lässt unser Goethe nach seiner Italienfahrt begeistert Mignon singen. Noch nie hat eine einzelne Frucht auf den Menschen eine solche Faszination ausgeübt wie die goldenen Zitrusfrüchte, nicht einmal der Granatapfel der Juno. Wer in Sorrent oder Sizilien die prächtigen Agrumengärten gesehen hat und den Duft eingesogen hat, in den diese herrlichen Gewächse ihre Umgebung tauchen, vergisst dieses Erlebnis sicher nie wieder.

Geschichte und Name

Die Zitrone, die wichtigste Frucht unter den Agrumen, hat Ihren Ursprung in Nordindien, aber schon im 8.Jh.v.Chr. finden wir sie in ganz Südost-Asien, in China und in Burma. Die ersten schriftlichen Berichte über diese Frucht finden wir in arabischen Schriften des 12.Jh., wo es heißt, dass sie ungefähr 200 Jahre vorher von Indien nach Arabien gebracht wurde. In der Schrift nannte man die Frucht limun, womit die Araber aber alle Agrumen bezeichnen. Allerdings hat man herausgefunden, dass schon die Juden um die Zelt Christi die Agrumen für die Zeremonien des Laubhüttenfestes benutzten, auch wenn dies nicht schriftlich überliefert ist. Immerhin hatte diese Frucht aber in der Zwischenzeit auf ihrem Weg von Indien nach Europa einige Etappen zurückgelegt. Eine Zitronenart kannte man sogar schon in der Zeit Alexanders. Damals hörten die Griechen von einem Wunderbaum, der das ganze Jahr blühe und goldene Früchte trage. Dies war, wie man jetzt weiß, nicht unsere Zitrone, sondern die Zitronatszitrone citrus medica. Durch Einkochen mit Zucker wird heute aus den Schalen das Zitronat, unentbehrlicher Bestandteil des deutschen Weihnachtsstollens hergestellt. Aber man hatte in der Antike keine so rechte Verwendung für die Frucht. Plinius berichtet von Kulturversuchen, die aber misslangen (VII,16), man pflanzte die Bäume eher wegen des Anblicks in den Parks an. Erst 150 Jahre später zog man sie als Kübel- oder Treibhauspflanze an warmen Orten und erst im 4. Jahrhundert n.Chr. scheint der Baum in manchen Gegenden Italiens akklimatisiert. Wegen ihres bitteren Aromas traute man dieser Frucht allerlei Schlimmes zu. Man glaubte sogar, sie mache resistent gegen Gift. So wird im Gastmahl des Athenaeus erzählt, dass in Ägypten Verbrecher, die zufällig von den Früchten gegessen hatten, den Schlangen vorgeworfen wurden und trotzdem unversehrt blieben. Diese Sache wurde bald darauf als Experiment versucht: Einem Verbrecher gab man Zitronen zum Essen, dem anderen nicht. Der Verbrecher, der von der Zitronen gekostet hatte, blieb unversehrt. Der römische Dichter Vergil schreibt aufgrund dieser Erfahrung: Medien (Landschaft in der heutigen Türkei) bringt Früchte voll bitterem Saft und unangenehmen Nachgeschmack hervor, doch Hilfe bringt der Saft, wenn die böswillige Schwiegermutter Gift in den Becher geschüttet hat. Auch Motten sollen von der Zitronatszitronen angewidert gewesen sein. Motten waren wegen der wollenen Kleider und dem fehlenden Mottenpulver in der Antike ein großes Problem. Daher legte man die Wolle in Kisten mit gut schließenden Deckeln, die man im griechischen , kedros nennt. Und da die Zitrone dieselbe Funktion hatte, nämlich die Motten fern zu halten, nannte man sie kedros, woraus im Lateinischen citrus wurde. Campingfreunde, die im Sommer gern in den Süden fahren, kennen das Problem der Ameisen, die ins Zelt oder auch in die Wohnung krabbeln, sobald offene Lebensmittel herumstehen. Legt man aber ein Stück Zitronenschale ihnen in den Weg, ist zumindest dieser Zugang versperrt, denn sie machen einen großen Bogen drum. (Aber sie finden sicher einen anderen Zugang.) Die Fruchtwand besteht nämlich aus einer weißlichen und schwammigen Innenschicht und einer fast ledernen Außenschicht, die in großer Menge mit ätherischen Öl gefüllte Sekretbehälter birgt. Weitere Zeugnisse für die Kenntnis der Zitrone in der Antike ergeben sich aus den Hinweisen aus dem Kochbuch des Marcus Apicius, eines römischen Gastronomen aus der Zeit des Augustus, ebenso von Darstellungen auf den Fresken Pompejis. Mit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches kam auch die Verbreitung der Agrumen zum Stillstand. Erst nach der Wiedereinführung durch die Araber verbreitete sich die Frucht schnell im ganzen Mittelmeerraum. Als häuslicher Zierbaum kam die Zitronatszitrone dann auch über die Alpen, die hl. Hildegard von Bingen nennt sie Bontziderbaum. Nach Europa kam die Zitrone aber erst in der Zeit der Kreuzzüge. In Italien nennt man die Zitrone limone. Was wir Limone oder Limonelle nennen, ist die Citrus hystrix. Sie wächst nur in den Tropen und hat kleine, gelbe und sehr saure Früchte, woraus die Engländer den lime juice machen. Übrigens kommt auch der Spitzname der englischen Matrosen limies von dieser Frucht. Die Engländer hatten nämlich entdeckt, dass der Genuss dieses Saftes und der Frucht vorbeugend gegen Skorbut wirkt. Skorbut, Folge von Vitaminmangel, war die gefürchtete Seefahrerkrankheit, bei der sämtliche Zähne ausfielen.

Hier die wichtigsten Vertreter der Familie:
Zitrone
Citrus limonum
engl. lemon, franz.citronnier, ital. limone.

Apfelsine
Citrus laurantium sinensis
engl. orange, franz. oranger ital. arancio

Bitterorangenbaum oder Pomeranze
Citrus laurantium amara
engl. bitter orange, franz. oranger amaire, ital. arancio amaro

Bergamotte
Citrus bergamia
engl. bergamot, franz. bergamotier, ital. bergamotto

Pampelmuse
Citrus maxima (paradisi)
engl. grapefruit, franz. grapefruit, ital. pompelmo

Zeder oder Zitronatszitrone
Citrus medica
engl. citron franz. cédratier, ital. cedro

Mandarine
Citrus nobilis
engl. tangerine, franz. mandarinier, ital. mandarino

Etymologie

Der wissenschaftliche Name der Bergamotte Citrus bergamia geht auf ihren türkischen Namen beg armodi zurück.
Die Pampelmuse Citrus maxima hat den biologischen Namen nach ihrer Größe erhalten. Pampelmuse geht auf das holländische Wort Pompelmoes zurück, dem wiederum ein arabisches Wort unbekannten Ursprungs zugrundeliegt.
Die Zitrone, citrus medica, hat nicht mit Medizin zu tun, sondern verweist auf das persische Volk der Meder. Citrus nobilis weist auf das exquisite Aroma der Frucht hin.
Die Apfelsine verrät durch ihren Namen ihre chinesische Heimat (citrus sinensis = Chinafrucht). Sie war im 9. Jh. bis nach Arabien gekommen und wurde nach der arabischen Eroberungen auf Sizilien und in Spanien heimisch. In Neapel nennt man diese Frucht portogallo; dies macht deutlich, dass die Apfelsine über Lissabon nach Neapel kam. Dort soll der erste portogiesische Apfelsinenbaum 1548 gepflanzt worden sein.
Die Mandarine citrus nobilis kommt ebenfalls aus China, wurde am Mittelmeer aber erst in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts heimisch. Der deutsche Name weist auf die chinesische Heimat.
Orange kommt aus dem arabischen narang, was wiederum auf Sanskrit nagarania zurückgeht. Nagarania bedeutet wörtlich übersetzt Elephantengeschmack, d.h. riesiger (guter) Geschmack.

Blüte

Der Zitrus- oder Agrumenbaum ist einer der wenigen Bäume, die gleichzeitig blühen und Früchte tragen können. Die Blüten sind weiß, mitunter zartrötlich angehaucht und haben einen starken und angenehmen Geruch. Im Winter hüllen sie die ganze Gegend in eine Duftwolke. Die Blüten werden in der Vorweihnachtszelt manchmal gemahlen, ausgepresst und in kleine Fläschchen gefüllt; sie dienen dann in Unteritalien als Zutaten zu den herrlichen Weihnachtsbäckerein, die bekanntlich auf den Einfluss der Araber zurückgehen. Manchmal machen sich die Agrumenbauern der Gegend den Spaß, sämtliche Arten und Abarten auf einen einzigen Baum zu pfropfen.