Sorranto

La Canzone Napoletana - Neapolitanische Lieder

Guaglione
Reginella
Santa Lucio
Tarantella Piedigrotta

Die Stadt der Lieder

Neapel und das Volkslied gehören nicht nur in den Augen der Italiener zusammen, auch wenn der flüchtige Tourist meint, die berühmten Lieder wie O Sole mio  oder Funiculì, Funiculà  seien gemeinitalienisches Liedgut. Auch ihm wird auffallen, dass in Neapel mehr als anderswo gesungen wird. Es singt der Pizzabäcker, der Fischer, der Straßenkehrer. Oft sieht man Menschen in der Stadt, die gedankenverloren vor sich hinsingen.

Mythischer Ursprung

Es ist kein Wunder, dass bei Homer die Damen, die die unwiderstehlichsten Gesänge haben, am Golf von Neapel beheimatet sind. Selbst der durchtriebene und mit allen Wassern gewaschene Odysseus wäre ihren Reizen erlegen, wäre er nicht am Mast festgebunden gewesen. Für die Sirenen andererseits war es ein Schock, daß jemand ihre Kunst verschmähte. Und deshalb stürzte sich die oberste der Sirenen, Pathenope, in die Futen zu Tode, denn sie sah keinen Sinn mehr im Leben. Sie wurde am Strand von Neapel angeschwemmt und bestattet; doch sie wurde nicht vergessen, sondern gab der Stadt ihren Namen: Neapolis parthenopeia. Noch heute wechseln sich die Adjektive “napoletano” und partenopeo ab, z.B. in der Bezeichnung la civiltà parthenopea für die Kultur Neapels. Und so lebt auch nach dem Tod der Sirene die Liebe zum Gesang in den Herzen der Neapolitaner weiter.

Geschichte

Schriftliche Aufzeichnungen des neapolitanischen Liedes beginnen erst in der Renaissance, auch wenn es sicher schon viel älter ist. Vermutlich war es immer so, wie Gian Battista del Tufo im 15. Jh. schrieb:

Ogni fanciul pria che savvolge in fasce, quasi cantando nasce. Bevor das Kind in den Windeln liegt, singt es schon während der Geburt.

Aus dem Jahr 1335 sind die Akten eines Prozesses bekannt, bei der ein Advokat angeklagt war, daß er unter dem Zimmer seiner Angebeteten, Giovanella di Gennaro, die nichts von ihm wissen wollte, Lieder singen ließ, um die Dame zu bewegen, aber gleichzeitig die Nachbarn um den Schlaf brachte. Im 16. Jh. entstand die “villanella a ballo”, man entfernte sich damals von dem einfachen Lied, der Tanz kam hinzu. Die “villanella” wurde von Lauten oder Calscioni - Instrumenten mit zwei Saiten - begleitet; sie verschwindet im 17. Jh. und die Lieder der Meister beginnen sich durchzusetzen. Orlando di Lassa, Luca Marenzio, Orazio Vecchi, Adriano Willaerd bis zu Giovanni Maria Trabaci und Claudio Monteverdi; die besten Namen der italienischen Musik finden wir hier. Das Volkstheater belebt die canzone. Die Komponisten der opera buffa nehmen die Lieder oder Melodien auf, so die Canzone fenesta ca lucive” in der Somnambula von Bellini. Als die Region unter der Herrschaft von Napoleons Schwager Murat stand, nahmen die Lieder einen politischen Ton an. So wurde Palummella zompa e vola wegen seiner Anspielungen auf die Freiheit des Volkes verboten. Darauf änderten die Verfasser den Text, der aber von kaum jemand so gesungen wurde. Erst im 19. Jahrhundert wird das Lied von Neapel institutionalisiert. Seit gibt es zur Festa di Piedigrotta, das der Madonna di Piedigrotta gewidmet ist, einen Gesangswettbewerb. Es war das erwähnte Lied Te voglio assai bene, das im ersten Jahr den Preis gewann; Den Text schrieb Raffaele Sacco, der Komponist war kein geringerer als der aus Bergamo stammende Komponist Gaetano Donizetti. Der Gesangswettbewerb wurde bis 1950 weitergeführt. Doch auch danach wurden neue Lieder geschrieben, die schließlich zu Klassikern wurden wie Malafemmena von Sergio Bruni. Wie die Pizza war auch das Lied von Neapel ein Nebenprodukt der Emigration zwischen 1880 und 1920. Enrico Caruso trug sehr viel zur Verbreitung des Liedgutes seiner Geburtsstadt bei. Er hatte die Angewohnheit eine Canzone Napoletana als Zugabe in der Met in New York zu singen. Das führte dazu, dass man von Tenören einfach erwartete, dass sie Lieder aus Napoli im Repertoire hatten. Dies trifft auch für die Großen Drei unserer Zeit zu: Luciani Pavarotti, Plácido Domingo und Jose Carreras, von denen keiner aus Neapel und nur einer aus Italien stammt. Der Sänger, der heute am meisten mit dem süditalienischen Liedgut in Verbindung gebracht wird, ist Mario Maglione. Er ist nicht nur Sänger, sondern hat auch ausführlich die Kultur dieser Lieder studiert. Wer sich damit beschäftigt, besitzt seine Sammlung von 12 LPs von 1960, zu der eine große Abhandlung zum Thema gehört. Was den Sänger gewisse Probleme bereitet ist der Dialekt. Es ist undenkbar, dass diese Lieder in einer anderen Sprache als dem Neapolitanischen gesungen werden. Es ist, wie wenn man versuchte, schwäbische Volkslieder wie „Jetzt gang i ans Brünnele“ versuchte ins Hochdeutsche zu übertragen. Inzwischen gibt es aber auch Übersetzungen ins Italienische und in andere Sprachen. Übersetzungen brauchen die Nord-Italiener, denn schon ab Rom nordwärts versteht man die Neapolitaner und ihre Sprache nicht mehr. Das neapolitanische Lied ist im Ausland inzwischen so bekannt, dass viele Fremde glauben, diese Lieder seien typische italienische Volkslieder. Den Bürgermeister von Venedig hat es so geärgert, dass Fremde die Gondoliere immer nach diesen Liedern fragen, dass er es ihnen verboten hat Lieder wie O Sole Mio, Santa Lucia, Funiculì, Funiculà zu singen. Doch die Neapolitaner revanchierten sich auf ihre eigene sympathische Art. Sie schickten einen ihrer Chöre nach Venedig, der auf den Stufen des Palazzo Ducale Lieder im venetianischen Dialekt sang. Die America fingen an, pseudo-Neapolitanische Lieder in einem Mischmasch aus Italienisch und Englisch zu komponieren. Vor ein paar Jahren brachte Dino Crocetti (alias Dean Martin) ein Lied heraus mit dem abartigen Titel That's Amore. Dessen erste Zeile lautet: When the moon hits your eye like a big pizza pie, that's amore. Schon Elvis Presley hatte O Sole Mio in "It's now or never" abgewandelt.

0 Sole mio
Che bella cosa è na jurnata ‘e sole,
n’aria serena doppo na tempesta!
Pe’ ll’aria fresca para già na festa...
Che bella cosa na jurnata ‘e sole.
Ma n’atu sole
cchiú bello, oi ne’,
o sole mio sta nfronte a te!

Luceno ‘e llastre d’ ‘a fenesta toia;
na lavannara canta e se ne vanta
e pe’ tramente torce, spanne e canta,
luceno ‘e llastre d’ ‘a fenesta toia.
Ma n’atu sole..

Quanno e fa notte e ‘o sole se ne scenne,
me vane quasi ‘na malincunia;
sotta ‘a fenesta toia restarria
quanno fa notte e ‘o sole se ne scenne.
Ma n’atu sole..

Meine Sonne

Wie schön ist ein Sonnentag; heiter ist die Luft nach dem Gewitter und schon diese Frische ist ein Fest. Wie schön ist ein Sonnentag! Doch eine andere Sonne ist schöner, mein Mädchen, meine Sonne strahlt von deiner Stirn.

Glänzend die Scheiben deines Fensters, eine Wäscherin singt voller Stolz, wringt, hängt auf und singt; glänzend die Scheiben deines Fensters. Doch eine andere Sonne... Wenn es Nacht wird und die Sonne sinkt rührt mich eine Schwermut an; unter deinem Fenster stehe ich wenn es Nacht wird und die Sonne sinkt. Doch eine andere Sonne...